Müde ist der Staat. Aber er lebt noch. Auch wenn er von Voraussetzungen zehrt, die nicht seine eigenen sind und die außerhalb seines Einflußbereichs liegen. "Entscheidend für das Denken über den Staat ist, ob ein optimistisches oder ein pessimistisches Menschenbild zugrunde gelegt wird."

Dieser bedenkenswerte Satz findet sich im Editorial der Zeitschrift Der blaue Reiter, die ihre aktuelle Ausgabe dem "Mythos Staat" (Journal für Philosophie, Nr. 7, Omega Verlag, Stuttgart 1998) gewidmet hat . Die Beiträge, unter anderem von Iring Fetscher, Ernst Wolfgang Orth, Jörn Rüsen und Helmut Schmidt, kreisen um die Frage, ob der spätliberale Rechts- und Sozialstaat noch in der Lage ist, die Einheit der postmodernen Gesellschaft zu garantieren. Eine klare Antwort gibt es nicht. Zu disparat sind die Verhältnisse im Zeitalter der Globalisierung, des neuen Nationalismus und der anhaltenden Arbeitslosigkeit. Realität und Idealität eines auf bürgerlichen Tugenden und politischer Willensbildung aufbauenden Staatsbegriffs, dessen Ursprünge bis in die griechische Antike und die humanistische Aufklärung zurückreichen, klaffen weit auseinander.

Gleichwohl besteht kein Grund zur Resignation. Daß der bürokratische Verwaltungsstaat als leibgewordener Leviathan seine Kinder frißt, Internet und Fernsehen das demokratische Ethos verderben, die globalen Märkte jeden Anspruch auf soziale Gerechtigkeit zunichte machen, sind arg übertriebene Befürchtungen, von denen auch das vorliegende Heft nicht ganz frei ist. Trotz Politikverdrossenheit und marktwirtschaftlichen Steuerungsproblemen schöpfen die späten Nationalstaaten aus Quellen, die über Jahrhunderte durch die Bereitschaft egoistischer Einzelwesen zur sozialen Kooperation gespeist wurden. So unwahrscheinlich dieser Zustand seit jeher war, so wahrscheinlich dürfte seine Fortdauer sein, mag auch der Mythos vom Staat am Ende sein.