In Beirut versucht man mit aller Kraft zu vergessen. Wo einst heftig gekämpft und fast alles zerstört worden war, befindet sich heute eine der größten Baustellen der Welt. Die Allgegenwart von Baggern und Kränen im Umkreis der ehemaligen Demarkationslinie erinnert unwillkürlich an Berlin.

Wie eine Filmkulisse wirken die inzwischen fertig renovierten Häuser im "historischen Viertel", das als einziges von den Bulldozern verschont geblieben ist. Die eleganten Straßenzüge Allenby und Foch sind mit Kopfsteinpflaster bedeckt

die passenden Straßenlaternen aus Gußeisen müssen erst noch aus Frankreich importiert werden. Die Planer hoffen darauf, daß sich hier die internationale Bankenwelt wieder niederlassen wird. Rundherum sollen bald postmoderne Bürogebäude, öffentliche Parks, Einkaufszentren, Kinos, Wohnungen und Flanierstraßen aus dem Boden schießen. Am nahe gelegenen Hafen sind 200 000 Kubikmeter Erde aufgeschüttet worden, um im Meer Neuland zu schaffen.

Als den "größten Rachefeldzug, den es je gegen den libanesischen Krieg gegeben hat" beschreiben die Anhänger diesen gewagten Versuch zum Neuanfang.

Ein neues Stadtzentrum als Symbol für die neue nationale Einheit soll dem gesamten Libanon dazu verhelfen, an die Zeiten seines früheren Glanzes anzuknüpfen. So zumindest hatten sich die Chefplaner, allen voran Ministerpräsident Rafik Hariri, den architektonischen Wurf auf insgesamt 1,8 Quadratkilometern vorgestellt. Nach Einschätzung von Solidere, der mit dem Wiederaufbau beauftragten Firma, könnte das Bauprojekt bis zum Jahr 2002 vollendet sein.

Regierungschef Hariri, dessen Wahl 1992 mit vielen Hoffnungen verbunden war, wirft man inzwischen allerdings vor, sich verkalkuliert zu haben. Seine hochfliegenden Pläne entstanden in einem Klima der arabisch-israelischen Entspannung, die heute wie eine Fata Morgana erscheint. Spätestens die israelische Militäroperation im April 1996 gegen Stellungen der Hizbullah im Südlibanon - die bis nach Beirut reichte - dämpfte die Euphorie. Das Blutbad von Kana, wo bei dem Beschuß eines UN-Postens mehr als hundert Zivilisten umgekommen waren, verschreckte potentielle Investoren. Selbst die Exillibanesen, deren Vermögen auf 50 Milliarden Dollar geschätzt wird, halten sich zurück.

Weil die Gelder vor allem ins Beiruter Stadtzentrum gesteckt werden, hat sich das soziale Gefälle verstärkt. Darunter leidet vor allem die Bevölkerung im Umland. Dieses Vakuum wird zum Teil von privat finanzierten Bauinitiativen gefüllt, die konfessionsgebunden sind. So errichtet die schiitische Hizbullah in ihrer Hochburg im armen Süden Beiruts Sozialwohnungen, und am nördlichen Stadtrand läßt das maronitische Patriarchat Häuser für seine Glaubengenossen entstehen. So verfestigen sich genau jene Strukturen, die es seit dem Ende der Kämpfe so dringend zu überwinden gilt. "Wir haben in vieler Hinsicht ganz unbewußt unsere Gewohnheiten aus den Kriegsjahren beibehalten", sagt der 29jährige Hekmat el-Zein, dessen schiitische Familie aus dem Süden des Landes stammt. "Damals hatte sich jede Gruppe ihren eigenen Versorgungskreislauf organisiert, und man bewegte sich in einem relativ beschränkten Umkreis." Daß es heute in Beirut tatsächlich kaum noch "gemischte" Nachbarschaften gibt, erschwert den mentalen Wiederaufbau. Im christlichen Osten Beiruts finden sich heute mehr Schilder auf französisch als auf arabisch, der Westen der Stadt trägt das stumme Etikett "muslimisch".