Hat das so oft totgesagte deutsche Bürgertum in den vergangenen Jahrzehnten nicht eine unverhoffte Renaissance erlebt? War es etwa gar nicht untergegangen? Ist die Zielvision der deutschen Aufklärung, die in einer "bürgerlichen Gesellschaft" das Zusammenleben freier, gleichberechtigter Staatsbürger organisieren wollte, die aus dem öffentlichen Diskurs auf dem Forum des Parlaments ihre konsensfähigen Interessen und politischen Ziele hervorgehen sah, die in einer liberalen Verfassung mit einem Grundrechtekatalog den besten Schutz ihrer Privat- und Wirtschaftssphäre erblickte - ist dieser Entwurf aus dem späten 18. Jahrhundert tote Vergangenheit? Oder erlebt er nicht vielmehr in dem Siegeslauf der "Zivilgesellschaft", bis weit hinein nach Osteuropa, eine atemberaubende Anziehungskraft? Hat die politische Verfassungsform der "bürgerlichen Gesellschaft" nach dem Untergang der "politischen Religion" des Kommunismus und Faschismus nicht ihre Faszination behalten?

Der sozialhistorische Befund dementiert den Tod des deutschen Bürgertums.

Seine Kontinuität im Formwandel ist vielmehr das Bestechende. Seit dem 18.

Jahrhundert ist allerdings nicht "das" Bürgertum, sondern eine Vielzahl von "Bürgertümern" entstanden: Teile des traditionellen Stadtbürgertums mit seiner 600jährigen Vergangenheit existieren weiter. Ein neues, an der Marktwirtschaft orientiertes Wirtschaftsbürgertum entstand und dehnte sich im Verlauf der Industrialisierung aus. Von ihm hielt sich das vom Neuhumanismus geprägte Bildungsbürgertum der akademischen Experten lange Zeit fern, die meist im Staatsdienst, später auch als Freiberufler tätig waren. Allmählich aber verbanden sich die Heirats- und Verkehrskreise des Wirtschafts- und Bildungsbürgertums, zumal auf den oberen Rängen. Daneben bestand, wiederum strikt von diesen bürgerlichen Oberklassen getrennt, der Kosmos des Kleinbürgertums, teils nostalgisch auf die Welt der vormodernen Stadt fixiert, teils auf den Aufstieg gerichtet und zu großen Opfern für den Bildungserwerb bereit.

Im Kaiserreich machte der Prozeß der Homogenisierung der verschiedenen bürgerlichen Sozialformationen große Fortschritte. Gemeinsame Normen und Werte, Bildungsidee und Nationalismus, eine spezifische Kultur der "Bürgerlichkeit" vereinheitlichten sie. Zugleich wurden die Außengrenzen zum Proletariat schroff markiert. Doch auch innerhalb des Bürgertums liefen neue Spaltungsprozesse ab. Sie schieden die Unternehmeraristokratie vom mittleren Wirtschaftsbürgertum, lösten die Einheit des Bildungsbürgertums auf und machten das Kleinbürgertum durch den "neuen Mittelstand" noch unübersichtlicher. Der Erste Weltkrieg, die Hyperinflation, dann die Weltwirtschaftskrise ab 1929 haben die innere Einheit des Bürgertums weiter zerrieben. Die NS-Diktatur hat diesen Vorgang beschleunigt, ihr Regime wirkte wie der endgültige Niedergang des Bürgertums.

Das war ein grandioses Mißverständnis, denn wie Phönix aus der Asche erhob sich seit 1948 in Westdeutschland zuerst das Wirtschaftsbürgertum, in dem es familiengeschichtlich die größte Kontinuität gibt. Das Kleinbürgertum expandierte, stetig vergrößert durch die Verbürgerlichung der Arbeiterschaft.

Das Bildungsbürgertum hat seine neuhumanistische Patina längst verloren, verwandelte sich aber erfolgreich in die Berufsklassen der akademischen Intelligenz, in der es ebenfalls, ob in Pfarrers-, Studienrats-, Arzt- oder Anwaltsfamilien, eine bestechende Kontinuität gibt.