Gerhard Schröder wollte Kanzler werden. Der alte Amtsinhaber, länger als 15 Jahre ein großartiger Wahlkämpfer für die Union, wirkte zermürbt, verbraucht, zerschlissen. Immer größere Haushaltslöcher hatten sich aufgetan.

Die Arbeitslosenzahlen waren explodiert. Die Koalition mit den Freien Demokraten wirkte all dem gegenüber zunehmend hilflos, im verzweifelten Bemühen um Profil blockierten die Liberalen selbst geringfügige Steuererhöhungen. Ein Wechsel an der Spitze der Regierung tat not, das pfiffen die Spatzen von den Dächern der ganzen Republik. Doch Gerhard Schröder (CDU) scheiterte.

Wider Erwarten wurde nicht Ludwig Erhard Außenminister, sondern - wir skizzieren, der Leser hat es längst bemerkt, die politische Szenerie im Herbst 1966, nicht die der Gegenwart - Kurt Georg Kiesinger, erfolgreicher Ministerpräsident in Baden-Württemberg, von der CDU/CSU-Bundestagsfraktion am 10. November zum neuen Kanzlerkandidaten gewählt. Kiesinger, dem wohl vor allem die Stimmen aus Bayern den entscheidenden Vorsprung gegenüber Schröder in den drei Wahlgängen gesichert hatten, war an den langen, qualvollen Kabalen und Intrigen unbeteiligt gewesen, die dem Sturz Erhards vorausgingen, und schien daher geeignet, einen Neuanfang einzuleiten und den drohenden Abschied der Union von der Macht zu verhindern.

Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik hatten doch zwei Tage vor der christdemokratischen Kandidatenkür SPD und FDP im Bundestag geschlossen gemeinsam abgestimmt und Ludwig Erhard, den Minderheitskanzler auf Abruf, aufgefordert, die Vertrauensfrage zu stellen. Ein Menetekel für die Union, erster Vorbote einer bereits damals rechnerisch möglichen sozialliberalen Koalition, die allerdings nur über ein hauchdünnes Polster von sechs Mandaten Vorsprung gegenüber CDU/CSU verfügt hätte. Den sozialdemokratischen Strategen, mit Ausnahme des Parteivorsitzenden und Berliner Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt, schien das für die Etablierung eines solchen Regierungsbündnisses zu wenig, zu riskant.

Nein, Herbert Wehner, sozialdemokratische Schlüsselfigur jener Jahre, Helmut Schmidt und auch der damals allerdings bereits schwerkranke Fraktionsvorsitzende Fritz Erler favorisierten einen anderen Weg. Auch innenpolitisch galt: Wandel durch Annäherung, Annäherung an den CDU-Staat.

Teilhabe an der Macht zusammen mit der Union, so sollte die Regierungsfähigkeit der SPD unter Beweis gestellt werden. Mit dem Godesberger Programm und Wehners aufsehenerregendem Plädoyer für eine gemeinsame Politik am 30. Juni 1960 im Bundestag waren die Grundlagen hierfür gelegt, die Prinzipien der Politik von Adenauer und Erhard - Westintegration, Nato-Bündnis, soziale Marktwirtschaft - durch die Sozialdemokraten anerkannt worden.

Daß Adenauer, der fünf Jahre zuvor noch einen SPD-Wahlsieg mit dem Untergang Deutschlands gleichgesetzt hatte, im Gefolge der Spiegel-Krise 1962 und im verzweifelten Bemühen, seine Amtszeit zu verlängern, selbst ernsthaft Wehner eine Regierungsbeteiligung für die SPD offeriert hatte, war ein erster Erfolg dieser Strategie gewesen. Aber erst im Herbst 1966, nach der Agonie der Regierung Erhard, war es wirklich soweit, schlug die Stunde der Großen Koalition.