Das Fahrrad steht gut angekettet auf dem Parkplatz der Hamburger Oper.

Der Besitzerin ist schon eins in der Hansestadt geklaut worden. Und das andere, "das schnelle 24-Gang-Herrenrennrad, eignet sich nicht, wenn ich opernmäßig unterwegs bin", sagt Angela Denoke. Das heißt: Im Stoffbeutel baumelt derzeit der Klavierauszug des Wozzeck an der Lenkstange. Ein solides Rad, gute Qualität, hanseatisch blau. Den Salzburger Schnürlregen hat es auch schon gesehen.

Überhaupt: ein wasserreicher Sommer. Dem Feuilleton bescherte er zwei springende Brunnen, einen von Martin Walser, den anderen auf der Salzburger Festspielbühne in Janáceks Oper Katja Kabanová. Stellvertretend steht er dort für die Wolgafluten, in denen Katja Kabanová sich ertränkte. Angela Denoke, tobend bejubelt, tauchte als neuer Star der Opernbranche wieder auf.

"Eine berückende Sängerdarstellerin, die sich im Ausdruck geradezu verzehrt", schwärmt die Kritik, "stimmlich von starker lyrischer Intensität und ins Hymnische ausgreifend" "in manchen Momenten erinnert sie an die junge Elisabeth Schwarzkopf", ist zu lesen.

"Für mich ist es recht merkwürdig, daß man sich mit einem Mal so für mich interessiert." Die Sängerin lacht verhalten, irgendwie ungläubig. Der besorgte Einwand, daß auch der Opernbetrieb ja gerne seine Neuentdeckungen verheize, läßt Angela Denoke kalt: "Man muß sich auch verheizen lassen." Ihr wird das nicht passieren.

Auf Mitte Dreißig mag man die hochgewachsene Frau schätzen. Ihr Alter sagt sie nicht, "weil so eine Zahl nichts sagt". Ein altmodisches Gesicht lacht einem da entgegen. Ein Gesicht der zwanziger und dreißiger Jahre. Schräg auch stark und verletzbar, mit blitzenden blauen Augen, Sommersprossen und Haaren, die sich von der Gesichtsfarbe kaum abheben. Bilder von Otto Dix und George Grosz fallen einem dazu ein. Klänge von Kurt Weill, Hanns Eisler, Alban Berg. Das Gesicht der Angela Denoke markiert neue Sachlichkeit. Keine Spur vom Primadonna-Pomp früher Opernjahre, kein Diva-Charisma und schon gar nichts vom PR-gestylten Cross-over-Kommerzgesicht unserer Tage. Neue Sachlichkeit heute. Eine Chance für die Oper.

Es ist schnell mit Angela Denoke gegangen sehr schnell. "Musik habe ich schon früh für mich entdeckt", sagt die Sängerin. "Komischerweise ist meine Familie überhaupt nicht musikalisch orientiert." Sie macht eine bedenkenswerte Generalpause: "Und wenn, dann in einer ganz anderen Richtung."