Die drei Buchstaben sollten eigentlich die Rettung versprechen. Nun sind sie zur Abkürzung für alles Böse geworden: IMF, das Kürzel für International Monetary Fund, ist als Synonym für "Krise" oder "harte Zeiten" in die koreanische Sprache eingegangen.

Zunächst hatte das neue Lehnwort die öffentliche Sprache erobert. Zeitungen schreiben "IMF", wenn sie die Krise meinen

Unternehmer berufen sich auf "IMF-Zeiten", wenn sie Entlassungen ankündigen

und neue koreanisch-englische Wörterbücher werben mit einem brandneuen "IMF-Kapitel". Immer häufiger tauchen die drei Buchstaben nun aber auch in der Umgangssprache auf. Wenn sich zwei Südkoreaner unterhalten, dann unterscheiden sie nicht etwa die Zeit vor oder nach Beginn der Wirtschaftskrise. Sie reden von der Zeit "vor dem IMF" oder "seit dem IMF". Restaurants bieten billige Menüs mit dem Namen "IMF-Gang" an. Ein Aquarell des Malers Chong Pok Su trägt den satirischen Titel Ein Tiger in der IMF-Ära.

Der Internationale Währungsfonds (auf deutsch IWF statt IMF), der Südkorea im Dezember vergangenen Jahres mit einem internationalen Kreditpaket von rund 60 Milliarden US-Dollar zur Hilfe geeilt ist, hat in dem fernöstlichen Land eindeutig ein Imageproblem. Der Sprachgebrauch läßt ahnen, welch große Widerstände den Wirtschaftsreformen des IWF in Südkorea auch neun Monate nach Beginn der Krise begegnen.

Auch die Tabelle, die der städtische Beamte Lee Yong Ho in der Hafenstadt Pusan vor sich ausbreitet, ist nicht länger nach Jahreszahlen gegliedert. In der Spalte "Vor IMF" stehen die für 1998 ursprünglich geplanten Wohlfahrtsausgaben in Höhe von 103,9 Milliarden Won. In der Spalte "Nach IMF" ist dieser Posten des städtischen Haushalts auf 214,5 Milliarden Won (rund 260 Millionen Mark) fast verdoppelt worden. Das klingt nach viel Geld - und ist doch viel zuwenig. Denn Pusan, die zweitgrößte Stadt Südkoreas, hat auch das zweitgrößte Arbeitslosenheer des Landes. Lee leitet das örtliche Wohlfahrtsamt, und seit einigen Monaten bleibt er, weil viel zu tun ist, fast jeden Abend bis zehn Uhr im Büro. Viele der Menschen, denen Lee und seine gestreßten Mitarbeiter ein wenig Geld zum Überleben auszahlen, sind seit Beginn der Wirtschaftskrise und den vom IWF geforderten Strukturreformen arbeitslos geworden.

Zahlen allein sagen nicht viel aus. Doch die aktuelle Arbeitslosenstatistik in Pusan ist erschreckend. Wer von der wirtschaftlichen Lage Südkoreas etwas verstehen will, muß die Zahlen zur Kenntnis nehmen. 166 000 Menschen waren Ende August in Pusan arbeitslos. Das entspricht 9,5 Prozent der arbeitenden Bevölkerung und ist nach Seoul (9,7 Prozent) die zweithöchste Arbeitslosenrate des Landes. Nur 53 000 von ihnen konnten irgendeine Form von staatlicher Hilfe - Arbeitslosengeld oder Armutshilfe - in Anspruch nehmen.