Eine kleine Westernszene: Der gefürchtete gunman betritt den Edelsaloon.

An seinen Stiefeln klebt der Staub der Straße. Abwartend ist sein Blick. Hier war er noch nie: fremde Gesichter, steife Umgangsformen, nicht seine Welt.

Und deshalb halten alle den Atem an. Gleich muß der erste Schuß fallen.

Gleich wird das ganze Etablissement in Schutt und Asche liegen und nichts mehr so sein, wie es war. Aber es kommt ganz anders. Korrekt erkundigt sich der Fremde nach den Gepflogenheiten des Hauses - und beginnt erst einmal, in der Küche das Geschirr zu spülen. Der Showdown fällt aus.

So ungefähr muß man sich die Dramaturgie vorstellen bei Frank Castorfs erstem Ausflug in die Welt der Oper. Der wilde Theatermann von der Berliner Volksbühne hat in Basel Verdis Otello inszeniert und die Finger vom Abzug gelassen. Keine Eingriffe in Notentext und Szenenfolge. Mit der Dirigentin einigte er sich, "die Partitur bis zur letzten Strophe des Kinderchores werktreu unangetastet zu lassen". Die Gattung ist noch einmal davongekommen.

Natürlich gibt Castorf deshalb noch lange nicht den braven Tellerwäscher des Opernbetriebs. Verdis hochnervöses dramatisches Netzwerk der Musik, so sagt er, ermögliche eine andere, vielleicht hinterfotzigere Form der Interpretation. Die äußeren Konventionen der Verdi-Oper bedient er. Aber mit seiner Destruktionsarbeit setzt er im Innenleben des Stücks an.

Und mit dem Stoff hat er Erfahrung. Mit einem (Shakespeare-)Othello gelang ihm Anfang der achtziger Jahre in Anklam der erste, über die Provinzgrenzen hinauswirkende Theateraufruhr. "Othello" ist auch das Stichwort, unter dem die Stasi das Castorf-Material einst abgelegt hat - gleichsam eine offizielle Auszeichnung für subversive Abweichung.