Atomausstieg, ökologische Steuerreform, Verkehrswende, naturverträgliche Landwirtschaft. Das alles und noch viel mehr steht auf dem Wunschzettel der Umweltverbände an die nächste Bundesregierung. Doch gleichgültig, wen Helmut Kohl oder Gerhard Schröder nach der Wahl am 27. September zum Umweltminister beruft, ob die "schwarze" Angela Merkel oder den "grünen" Jürgen Trittin: Die Forderungen der Ökofreunde werden fromme Wünsche bleiben - wenn für den Atomausstieg der Wirtschafts-, für die Steuerreform der Finanz-, für die Verkehrswende der Verkehrs- und für die Agrarpolitik der Landwirtschaftsminister verantwortlich bleibt. Weiter so, wird dann die Devise sein.

Es sei denn, die neue Regierung würde der Umweltpolitik mehr Prestige und protokollarische Ehre verschaffen - vor allem aber eine Strategie. So überraschend es klingt: Die richtige Organisation ist für die künftige Umweltpolitik viel dringlicher als die Lösung irgendeines ökologischen Einzelproblems. In Zukunft müssen die Umweltpolitiker stärker bestimmen können, was wichtig ist - und was weniger wichtig. Bisher können sie das nicht, weil für die wichtigen Dinge andere zuständig sind. Also stürzen sich die "Ökologen" mit Verve auf die weniger wichtigen Themen und richten an, was Thilo Bode, Geschäftsführer von Greenpeace International, als "Gesetzgebungssalat" bezeichnet: Der Bürger staunt - und ist frustriert.

Tatsächlich, so diagnostiziert die Politologin Edda Müller, "pflastert der Streit um die Zuständigkeiten die Geschichte der deutschen Umweltpolitik".

Müller ist Autorin eines 600seitigen Werkes über die Innenwelt der Umweltpolitik, war Regierungsdirektorin im Umweltbundesamt, Umweltministerin in Schleswig-Holstein und arbeitet mittlerweile als Abteilungsleiterin im Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie - eine Insiderin also.

Besonders eine Lektion mußte sie in den vielen Jahren lernen: Obwohl es reichlich absurd ist, Deutschland durch allerlei Reformen fit für die Zukunft machen zu wollen, ohne für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen zu sorgen, fällt dem Umweltminister im politischen Poker eher die Rolle des Ausputzers, nicht die des Spielführers zu. Der Bundesverkehrswegeplan des Verkehrsministers etwa schafft ökologisch bedeutsamere Fakten als die meisten Aktivitäten des Umweltministeriums.

Die Machtlosigkeit des Umweltministers findet sogar ihren Niederschlag in der politischen Geschäftsordnung - beispielsweise in der "amtlichen Reihenfolge", einer vom Bundeskanzler festgelegten Rangordnung der Ministerien. Das Umweltministerium - Kürzel: BMU - rangiert derzeit auf Platz zwölf, nur noch gefolgt von den Ressorts Städtebau, Bildung, Entwicklung. Der hintere Platz bedeutet mehr als nur eine formale Degradierung. Bei Ressortabstimmungen bestimmt die "amtliche Reihenfolge" manchmal auch, wer wann reden darf - und das kann Folgen haben. Einmal, es war an einem Freitagnachmittag, lud das Wirtschaftsministerium, dessen Beamte als Champions des Verfahrensmanagements gelten, die Kollegen von insgesamt acht anderen Ministerien zu einer solchen Ressortabstimmung ein. Es ging um die Klimapolitik. Der Verhandlungsführer erteilte das Rederecht nach der amtlichen Reihenfolge. Die BMU-Vertreter durften deshalb erst als letzte ihre erheblichen Änderungswünsche an dem diskutierten Dokument äußern - zu einem Zeitpunkt, als ihre Kollegen der anderen Ministerien die Vorlage längst grundsätzlich abgesegnet hatten und die meisten schon ins Wochenende entschwunden waren. Folge: Die Ergänzungsvorschläge des BMU konnten nicht mehr diskutiert werden. "Den letzten beißen die Hunde", sagt Edda Müller.

Klaus Töpfer, bis 1994 Chef des Bonner Umweltministeriums, versuchte diesem Schicksal zu entrinnen, indem er die Öffentlichkeit mobilisierte. Er setzte sich für eine Abgabe auf das Klimagas Kohlendioxid ein und machte sich auch für das Drei-Liter-Auto stark. Der einzige Effekt: Die Medien verhöhnten ihn als "Ankündigungsminister", weil er sich trotzdem nicht durchsetzen konnte.