Für den Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder ist ein Bündnis für Arbeit "das zentrale Projekt" einer SPD-geführten Bundesregierung. Und auch der derzeitige Amtsinhaber Helmut Kohl hofft, daß nach den Wahlen Regierung, Gewerkschaften und Arbeitgeber zu einem "vernünftigen Gespräch" zusammenfinden. Kein Politiker und kein Verbandsvertreter will sich ins Abseits stellen, wenn ein breiter Konsens für den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit propagiert wird - schon gar nicht im Wahlkampf.

Nur einer, der nicht wieder für den Bundestag kandidiert, zweifelt am neuen Konsens: der 71jährige Otto Graf Lambsdorff, langjähriger FDP-Wirtschaftsminister der sozialliberalen und dann der konservativ-liberalen Koalition. Während seiner Amtszeit war der Vorläufer des Bündnisses für Arbeit, die "konzertierte Aktion", zerbrochen, weil 1977 die Gewerkschaften den Arbeitgebern deren Verfassungsklage gegen die Mitbestimmung nicht verziehen.

Die Erfahrungen von damals zeigen, wie schwierig das neue Bündnis werden wird. Das 1967 in Kraft getretene Stabilitäts- und Wachstumsgesetz war die Basis für die Debattierrunde. Das Gesetz legte die Ziele der Wirtschaftspolitik fest: Preisstabilität, hoher Beschäftigungsstand und außenwirtschaftliches Gleichgewicht "bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum". Gerät ein Ziel in Gefahr, muß die Regierung "Orientierungsdaten für ein gleichzeitiges, aufeinander abgestimmtes Verhalten (konzertierte Aktion)" von Staat, Gewerkschaften und Unternehmerverbänden vorlegen, damit gegengesteuert wird. Der keynesianisch motivierte Gesetzesparagraph gilt heute noch. Der wortgewandte Wirtschaftsminister Karl Schiller (SPD) beschrieb seinerzeit die "konzertierte Aktion" als "runden Tisch kollektiver Vernunft".

Doch von einem "abgestimmten" Verhalten war von Anfang an keine Spur. Schon 1969 kam es zu wilden Streiks, als die Unternehmen unerwartet hohe Gewinne einstrichen, aber den Beschäftigten Lohnnachschläge verweigerten. Weitaus folgenschwerer war das Gegeneinander von Bundesbank und Tarifparteien nach der Ölkrise 1973/1974. Die Gewerkschaften setzten zweistellige Lohnzuwächse durch, und die Bundesbank trat massiv auf die Kreditbremse, um die Inflation zu stoppen. Das Ergebnis: Im folgenden Winter stieg die Arbeitslosenzahl unaufhaltbar über die Millionengrenze.

Die "konzertierte Aktion" zerbrach nicht nur wegen inhaltlicher Konflikte, sondern auch am Ritual. Zuletzt drängelten sich bis zu 80 Teilnehmer in der Runde, weil immer mehr Verbände aus Prestigegründen vertreten sein wollten.

Statt miteinander zu diskutieren, wurden vorbereitete und schon zuvor an die Presse verteilte Statements verlesen.

Zur Ironie der Geschichte gehört, daß fast zwei Jahrzehnte später ein neuer Anlauf, Tarifparteien und Regierung auf eine Linie zu bringen, ausgerechnet an einer Spätwirkung der "konzertierten Aktion" scheiterte. Denn die Gewerkschaften kündigten das von IG-Metall-Chef Klaus Zwickel initiierte Bündnis für Arbeit wieder auf, als die Regierung Kohl auf Drängen der Arbeitgeberlobby eine Kürzung der gesetzlichen Lohnfortzahlung im Krankheitsfall beschloß. Der ungeschmälerte Lohn für Kranke war ein Ergebnis der "konzertierten Aktion" gewesen, auf das die Gewerkschaften stolz waren.