Potsdam

In einem sind sich Stammtisch, Feuilleton und alle betroffen-kritischen Kommentatoren einig: "Die Politiker" sind unfähig, die anstehenden Probleme zu lösen. Unsere Politiker, schimpfen sie unisono, sind notorisch unsensibel gegenüber Ausländerfeindlichkeit, Arbeitslosigkeit, dem Leiden im Kosovo - oder was den Kommentatoren gerade am Herzen liegt. Sie sind einfallslos und zu abgehoben, um zu erkennen, was die Bürger bedrückt. Sie blockieren Reformen, weil sie entweder feige sind oder aus parteitaktischen Gründen Lösungen torpedieren. In der Vulgärversion sind sie einfach nur eigennützig und korrupt.

Schon leichtes Nachdenken führt jedoch zu der Frage, warum unsere Politiker so viel unsensibler, uninformierter, egoistischer, bequemer und schließlich auch dümmer sein sollen als wir Wähler? Oder anders gefragt: Wer hat zum Beispiel die Fusion zwischen Brandenburg und Berlin zu Fall gebracht? Wie ist es mit den hysterischen Reaktionen auf Veränderungen wie etwa die neuen Postleitzahlen oder die Rechtschreibreform?

Unsere Politiker sind alles andere als gleichgültig und schlecht informiert, sie sind eher zu spezialisiert. Es gibt auch nicht "den Politiker", sondern Menschen, die sich für Sportplätze interessieren oder für Naturschutzgebiete, für Schulen oder für Ausländerintegration. In Deutschland sind das über 100 000 Kommunalpolitiker, also ein Heer von Freizeitpolitikern, dazu ein paar tausend Bundes- und Landespolitiker, hauptamtliche Bürgermeister und Beigeordnete - insgesamt vielleicht 10 000 "Berufspolitiker".

Ihnen allen geht es um die Verteilung knapper Ressourcen, denn von allein wird nicht entschieden, wieviel Haushaltsmittel für Theater, für Schulen oder für Asylantenheime zur Verfügung stehen. Solche Prozesse sind extrem unpopulär und brauchen Menschen, die diese Konflikt- und Konsensprozesse austragen.

Hier soll kein unkritisches Lob dieser "heimlichen Helden" gesungen werden, denn natürlich gibt es inkompetente, bornierte und sogar korrupte Politiker.

Aber vermutlich immer noch in weit geringerer Anzahl als im Bevölkerungsdurchschnitt. Dafür sorgt schon die erhebliche Konkurrenz um politische Positionen und nicht zuletzt die öffentliche Kontrolle. Es gibt keinen Bereich, der ähnlich transparent ist wie die Politik. Wer sich politisch betätigen will, muß darauf gefaßt sein, schonungslos kritisiert zu werden. Aber muß er sich auch damit abfinden, daß ihm Kompetenz und Integrität abgesprochen werden? Können heute nur noch Masochisten eine politische Karriere anstreben?