Schon mal was von Präsentismus gehört? Das ist eine ansteckende Krankheit am Arbeitsplatz. Wer befallen ist, leidet unter einem Anwesenheitswahn. Macht klaglos Überstunden. Wagt nicht, vor dem Chef nach Hause zu gehen.

Ein englischer Sozialwissenschaftler hat das Leiden als eine durch Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes ausgelöste "psycho-soziale Streßerkrankung" entdeckt. Überarbeitung ist in Großbritannien ein neues Thema. Der Independent berichtete jetzt unter der Balkenüberschrift "Bußgeld für Streß" über eine Kampagne der Aufsichtsbehörde Health and Safety Executive, Überbeanspruchung am Arbeitsplatz als gesundheitsgefährdend und deshalb strafbar nach dem Health and Safety at Work Act einzustufen. Das Gesetz aus dem Jahr 1974 verpflichtet jedes Unternehmen, seinen Angestellten einen "sicheren und gesunden Arbeitsplatz" zu garantieren. Einer Untersuchung der Behörde zufolge leiden eine halbe Million Briten unter Arbeitsüberlastung.

Zum Beispiel der Sozialarbeiter John Walker. Er sollte die Arbeit eines kranken Kollegen mit übernehmen und war damit nicht fertig geworden. Seine Beschwerden wurden ignoriert. Walker erlitt zwei Nervenzusammenbrüche und verklagte seinen Arbeitgeber, den Grafschaftsrat von Northumberland. Der Richter sprach ihm 175 000 Pfund Entschädigung zu.

Diese Woche finden Tausende Firmen in ihrer Post neue Richtlinien der Health and Safety Executive. In Zukunft werden Inspektoren ein Unternehmen, in dem inakzeptabler Arbeitsdruck herrscht, genauso behandeln wie eine Tischlerei mit Kreissägen ohne Schutzvorrichtungen.

Übertrieben? Das sei, sagt eine Sprecherin der Health and Safety Executive, wie mit dem passiven Rauchen. Da gäbe es auch keine Beweise für seine Schädlichkeit. Ein streßfreier sei genau wie ein rauchfreier Arbeitsplatz eine Frage des "Wohlseins".

In Deutschland weitverbreitete Denkmodelle wie "Loyalität zum Betrieb" oder gar eine moralische Verpflichtung, sich für "sein" Unternehmen aufzureiben, klingen in Großbritannien exotisch. Es gilt value for money, einen Gegenwert fürs Geld geben - und erhalten. Das lernen die Kinder schon in der Schule.

In der City of London, wo vor allem deutsche Banken viele der eingesessenen Geldinstitute aufgekauft haben, stoßen die Arbeitswelten von jenseits und diesseits des Kanals frontal aufeinander. Arbeitsstreß unter den Europeans, klagen die Briten, bedeute, frühmorgens zum Flughafen Heathrow zu hetzen und sich in der Zentrale in Frankfurt oder Düsseldorf mit einem bürokratischen Apparat herumzuschlagen. Jedes Geschäftsessen eine unlustige Dreistundensitzung mit monströsen Speisemengen. Ist es ein Wunder, wenn man dabei kaputtgeht?