Möglichst soll niemand es merken, doch in den Gewerkschaften macht sich Angst breit: ausgerechnet vor Europa. Seit vielen Jahren sind die organisierten Arbeitnehmer die treuesten Anhänger von politischer und Währungsunion - weil es sowieso ihren latent internationalistischen Neigungen entspricht, mehr aber noch, weil das Hartwährungsland Deutschland von Abwertungen der Nachbarn fortan verschont bleibt. Denn die waren stets schlecht fürs Geschäft, auch das der Gewerkschaften.

Nun aber wächst die Sorge, die gnadenlose Transparenz des Euro würde gerade für das Hochlohnland Deutschland ziemlich ungemütlich, die Werktätigen des Kontinents könnten zudem gegeneinander ausgespielt werden. Denn die Lohnpolitik dürfte noch wichtiger werden, wenn andere Stellräder wie nationale Währungs- und Zinspolitik fehlen. Ein bißchen wie das Pfeifen im Walde klingen da die Beschwichtigungen, alles sei nicht so furchtbar neu, mit Binnenmarkt und Freizügigkeit sei man seit fünf Jahren vertraut, die großen Konzerne kennten auch ohne Euro die jeweiligen Produktionskosten.

Zuletzt hat jedenfalls rege Geschäftigkeit die Funktionäre ergriffen. Anfang des Monats trafen sich Gewerkschaftsvertreter aus vier Ländern im niederländischen Dorn. In den Grenzregionen hebt eine Reisediplomatie der Hauptamtlichen an, die sich gegenseitig in Tarifkommissionen und Lohnverhandlungen besuchen. Vor allem die europäischen Metallgewerkschaften suchen verzweifelt nach einer gemeinsamen Linie. Solidarität wird beschworen: Niemand dürfe aus der Reihe tanzen, niemand sich auf Kosten der anderen Vorteile verschaffen, damit nicht alle in einen Unterbietungswettlauf ohne Ende verfallen.

Koordination heißt das Zauberwort, aber mit der ist es so einfach nicht: Zu unterschiedlich sind Wirtschaftskraft und Lohngefüge der Länder, Stärke und Gepflogenheiten der Gewerkschaften. Von einer gemeinsamen Tarifpolitik sind die Europäer noch Jahre entfernt.

Was also tun? In ihrer Not besinnen sich die Gewerkschaften auf eine simple Formel: Wenn nur jedes Land in der Lohnpolitik jenen Spielraum ausschöpfe, den das Wachstum der nationalen Produktivität und die Inflation schaffen, dann könne nichts schiefgehen: Niemand jagte über die Arbeitskosten den anderen Marktanteile ab, Wettbewerbsverzerrungen gäbe es nicht, der Anteil der Arbeitnehmer am Sozialprodukt würde nicht weiter sinken.

So ganz einfach wird das nur leider kaum gehen. Nicht allein, daß eine strikt produktivitätsorientierte Lohnpolitik den Arbeitslosen wenig hilft. Die Tarifabschlüsse werden weder von Makroökonomen noch von transnationalen Gewerkschaftsgremien beschlossen, sondern müssen in der Realität ausgefochten werden. Und da fehlt es mitunter an Durchsetzungskraft und Willen.

Schon in der Vergangenheit haben sich manche Gewerkschaften in Europa an den Deutschen orientiert - nur oft insgeheim mit dem Vorsatz, immer ein wenig unter deren Abschlüssen zu bleiben. Rund 90 Prozent der wirtschaftlichen Aktivität spielen sich im europäischen Binnenmarkt ab, die ausländische Konkurrenz, so machen sich einige Gewerkschafter Mut, wird also als Lohnpeitsche an Schrecken verlieren. Dies ist nur leider ein sehr formales Argument, denn auch unter dem Regime des Euro bleiben die italienischen Maschinenbauer natürlich die Konkurrenten der deutschen, die Rotterdamer Hafenarbeiter kämpfen mit den Kollegen aus Hamburg um die Tonnage. Im Zweifel zählt da die internationale Solidarität herzlich wenig.