Christoph Kolumbus hatte eine Vision. Im Gegensatz zur damals herrschenden Meinung war er der Auffassung, daß die Erde rund sei. Man müsse also nur weit genug nach Westen fahren, um auf dem kürzesten Weg zu den Reichtümern des Fernen Ostens zu gelangen. Christoph Kolumbus hatte Glück.

Wäre er nicht bald auf einen neuen Kontinent gestoßen, hätte man nie wieder von ihm gehört. Auf Visionen setzen auch viele Anleger am Neuen Markt der Frankfurter Börse. Sie suchen ihr Glück bei Branchen, die als besonders zukunftsträchtig gelten: beispielsweise bei Softwarefirmen, die den Unternehmen Kosten sparen helfen, oder bei der Internet-Branche.

Viele Unternehmen, deren Aktien am Neuen Markt gehandelt werden, produzieren auf absehbare Zeit noch Verluste. Die Anleger beziehen dabei, so die DG Bank, "die eigentliche Phantasie aus dem enormen Zukunftspotential". Denn Visionäre legen ihr Geld strategisch an. Sie verschmähen das Spiel der Zocker, die schnell auf fahrende Züge aufspringen und sofort wieder aussteigen, wenn eine Pause droht. Kurzfristig hängt das Auf und Ab der Aktienkurse beispielsweise von den Machtspielen in Rußland, dem Hochwasserpegel in China oder den Affären Clintons ab. Der strategische Investor fragt statt dessen: Wo steht die Aktie im Jahr 2005 oder 2010?

Klar, niemand verfügt über die geheimnisvolle Kristallkugel, mit deren Hilfe er künftige Entwicklungen und Märkte exakt vorhersagen kann. Niemand garantiert, daß sich der technologische Fortschritt mit der erwarteten Geschwindigkeit in die erwartete Richtung bewegt. Niemand weiß, welches Unternehmen sich schließlich im Konkurrenzkampf durchsetzt und welches auf der Strecke bleibt.

Dennoch findet der Anleger Orientierungshilfen, wenn er die Grundregeln des Spiels beachtet und gelegentlich den Profis der Aktienanalyse über die Schulter schaut. Der aufgeklärte Anleger, rät Marco E. Pabst, Analyst bei Sal. Oppenheim, muß sich überlegen, wie er selbst die Zukunft sieht. "Der Anleger sollte auf Visionen setzen und Zeit haben, bis sie sich realisieren."

Da gilt es, folgende Fragen für sich zu beantworten: Welche Branche könnte von künftigen Entwicklungen am meisten profitieren? Was werden die Menschen in den kommenden Jahren vor allem brauchen?

Dem ersten Schritt folgt der zweite: die Wahl des geeigneten Unternehmens, dem ein potentieller Aktionär sein Geld für längere Zeit anvertrauen mag.