Die selbsternannten "Liberalen" schreien auf. "Das ist die kommunistische Revanche", schreibt die Nesawissimaja Gaseta. "Bald wird in Rußland der Hunger nach Demokratie wieder mit Einheitswurst für zwei Rubel zwanzig gestillt."

Nach dem sommerlichen Zwischenspiel des 35jährigen Premiers Kirijenko übernehmen in Rußland die Dinosaurier die Regierung. Ihren breiten Erfahrungsschatz haben sie in der Sowjetunion gesammelt. Der 68jährige Ministerpräsident Jewgenij Primakow arbeitete als Korrespondent der Prawda, er war Kandidat des Politbüros der KPdSU, leitete die Auslandsaufklärung des KGB und zuletzt das Außenministerium. Der Erste Vizepremier und Kommunist Jurij Masljukow war Mitglied des Politbüros und Direktor der Planungsbehörde Gosplan. Der neue Zentralbankchef Wiktor Geraschtschenko hatte seinen Posten schon in der Sowjetunion inne. Ist dies das Kabinett der Restauration?

Wenn dem so wäre, hätte wohl kaum eine breite Mehrheit aus liberalen, demokratischen, natürlich auch kommunistischen und nationalpatriotischen Duma-Abgeordneten für Jewgenij Primakow gestimmt. Es war der liberale Jabloko-Führer Jawlinskij, der den russischen Außenminister als erster für das Amt des Ministerpräsidenten vorgeschlagen hatte. Jewgenij Primakow, Herold der Würde und Größe, wurde als Premier des allrussischen Einvernehmens gewählt. Seiner Regierung werden Abgeordnete aus mehreren Fraktionen angehören. Vor der Duma versprach er mit leidenschaftlichem Nuscheln, die "Einheit Rußlands" zu verteidigen und die Gesellschaft zu konsolidieren. Nach seiner Wahl verriet er den dritten Weg dorthin: Kapitalismus mit menschlichem Antlitz.

Solche Formeln finden im Rußland dieser Tage dankbare Zuhörer. Nach sechs Jahren vermeintlich "radikalliberaler Reformen", welche die Verarmung breiter Schichten der Bevölkerung beschleunigten, wünschen sich viele Russen eine sozial orientierte Politik mit maßvoller Betätigung der Notenpresse. Nicht nur Linke unterstützen diesen Kurs. Auch die Finanzmagnaten des Landes, die Profiteure der "Reformen", rufen nach "politischer Stabilität", die mit erhöhten Staatsausgaben zu finanzieren sei. Einige von ihnen haben den Sturz des Reformers Kirijenko herbeigeredet, um der Offenlegung von Geschäften und der gerechten Steuerzahlung zu entkommen. Von den sozialistisch vorgebildeten Ministern erwarten sie die Erhaltung der trüben Subventions- und Tauschwirtschaft, an der die Reformer gescheitert sind.

Die wichtigen Machtgruppen im Land - von den Finanzbaronen bis zu den Sicherheitsfürsten - unterstützen derzeit Jewgenij Primakow, den eine enthusiastische Duma freiwillig gewählt hat. Er ist der bislang stärkste Premier der Ära Jelzin. Mit seiner Berufung ist der Präsident zum ersten Mal einen Kompromiß mit dem Parlament eingegangen. In einer Demokratie wäre das ein Ausdruck von Gelassenheit und Souveränität. Doch im System Jelzin kommt das Einknicken des Präsidenten fast einer Kapitulation gleich. Seine Gegner könnten jetzt versucht sein, ihm den letzten Stoß zu geben.