Wenn die Finanzmärkte das Herz des Kapitalismus sind, dann befindet sich das Wirtschaftssystem in einem alarmierenden Gesundheitszustand. Die Pulsfrequenz an den internationalen Wertpapier- und Devisenbörsen beschleunigt sich, die Ausschläge werden immer heftiger. Stabilisiert es sich nicht bald, droht nach dem Infarkt in Südostasien und Rußland sowie den Turbulenzen in Lateinamerika ein weltweiter Kreislaufkollaps.

Noch herrscht Uneinigkeit über die richtige Diagnose. Wim Duisenberg, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), warnt bislang davor, die Lage zu dramatisieren. Auch Jeffrey Sachs, Professor an der amerikanischen Harvard-Universität, möchte die verheerende Finanzkrise nicht vorschnell als Totengräber der Globalisierung anprangern. Aber, so konstatiert der renommierte Ökonom in einem Beitrag für die englische Zeitschrift Economist: "Sie bedeutet sicherlich das Ende einer Ära" (siehe auch Interview mit Bundesbanker Meister auf Seite 27).

Mit dieser Ansicht steht Sachs nicht allein. Immer mehr setzt sich die Überzeugung durch, daß die von den Amerikanern und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) vorangetriebene rasche Liberalisierung des internationalen Finanzverkehrs ein Fehler war. Wie die Krisen in Südostasien, Rußland und Südamerika zeigen, richten vor allem die kurzfristigen Kapitalbewegungen gewaltiges Unheil an: Kaum haben Investoren milliardenschwere Geldbeträge in ein Land gepumpt, ziehen sie die Mittel wieder ab und hinterlassen ein Feld der Verwüstung. Sachs und andere namhafte Ökonomen wie etwa der Chefvolkswirt der Weltbank, Joseph A. Stiglitz, sprechen sich deshalb für staatliche Kontrollen der kurzfristigen Finanzströme aus. Ob ein Tempolimit der globalen Raserei Einhalt gebieten kann, muß allerdings bezweifelt werden. Denn Schnelligkeit ist das Lebenselixier des Kapitals.

Der Geschwindigkeitsrausch gehört keineswegs zu den Phänomenen der Moderne.

"Zeit ist Geld" erkannte der amerikanische Erfinder und Politiker Benjamin Franklin bereits vor 250 Jahren. Und die Bankiersfamilie Rothschild machte im vergangenen Jahrhundert ein Vermögen, weil sie mit Hilfe von Brieftauben schneller als die Konkurrenz an Nachrichten kam, aus denen sich Gewinn ziehen ließ. Den Zusammenhang zwischen Geld und Zeit brachte der Münsteraner Ökonom Ernst Helmstädter auf die einfache Formel: "Der Zins ist der Preis der Zeit."

Doch auch an den Finanzmärkten ging die Post erst richtig ab, als die moderne Technik aufkam. Computer und elektronische Kommunikationsnetze beschleunigen das Transporttempo von Informationen, und damit von Geld und Kapital, auf Lichtgeschwindigkeit. Im Devisenhandel etwa entscheiden Bruchteile von Sekunden über Gewinn oder Verlust eines Geschäfts. Der Zeithorizont der Akteure, die an Bildschirmen mit amerikanischen Dollars und japanischen Yen jonglieren und, wie jetzt wieder geschehen, ganze Volkswirtschaften in den Ruin treiben können, reicht nur wenige Minuten in die Zukunft.

Selbst das behäbigere Kapital ist längst von der Beschleunigungswelle erfaßt.