Sechzig Jahre wäre Romy Schneider dieses Jahr geworden. Vor sechzehn Jahren, in der Nacht vom 28. zum 29. Mai 1982, ist sie in ihrer Pariser Wohnung gestorben. Herzstillstand gegen fünf Uhr morgens. Laurent Petin, ihr letzter Lebensgefährte, fand sie am Morgen wie eingeschlafen, über einem angefangenen Brief hingesunken, an ihrem Schreibtisch. Die Folgen einer Nierenoperation, das Hungermartyrium, dem sie sich zwanzig Jahre lang ausgesetzt hatte, Tabletten- und Alkoholmißbrauch, katastrophal scheiternde Männerbeziehungen, die "Überdosis Weiblichkeit", wie Alice Schwarzer schreibt: ein Leben, von Liebe (nicht nur zu Männern) und Leidenschaft wie eine an beiden Enden angezündete Kerze verbrennend, vor allem aber der Unfalltod ihres fast inzestuös geliebten vierzehnjährigen Sohnes David ein Jahr zuvor, dies alles führte ihren frü hen Tod nahezu zwangsläufig herbei.

Das Leben Romy Schneiders, des vergötterten Lieblings des Kinopublikums der Adenauer-Ära, endete in einem Fiasko, auch materiell. Von ihrem Millionenvermögen blieb für die Erben kein Pfennig übrig. Bereits ihr dubioser Stiefvater Blatzheim und ihre Mutter Magda hatten die Honorare der "Sissi"-Filme verschleudert, ihre Ehemänner und Liebhaber setzten diese Verschwendung des Vermögens fort, sie selbst hatte ein so feudal-großzügiges Verhältnis zum Geld, daß sie sich nur aufs Ausgeben, nicht aufs Anlegen und Haushalten verstand.

Trotz ihres exzessiven Privatlebens wußte sie beruflich sehr genau, was sie wollte. Schon 1961 schreibt die Sissi-Darstellerin über sich selbst in ihr Tagebuch: "Mich jeden Tag ertragen zu müssen. Süßlicher Mist, Schokoladenguß, Wiener Schmäh." Daß sich die "Jungfrau vom Geiselgasteig" (so hämisch der Spiegel) gleichwohl zu einer der beliebtesten Filmschauspielerinnen Frankreichs entwickeln sollte, ist ein Mirakel bis heute.

Eines ihrer nie verwundenen Lebensprobleme ist es gewesen, daß ihre Eltern Magda Schneider und Wolf Albach-Retty, der Sohn der berühmten, erst 1980 im Alter von 106 Jahren verstorbenen Burgschauspielerin Rosa Albach-Retty, rechte Hofschranzen des "Dritten Reichs" waren. Daher spielte sie in den letzten Lebensjahren immer wieder die Opfer der Elterngeneration, so 1973 in "Le train" die verfolgte und ermordete Jüdin Anna Kupfer. Ihre Ehe mit Harry Meyen, dessen Vater im KZ ermordet wurde, die jüdischen Namen, die sie ihren beiden Kindern ausdrücklich gab - David und Sarah -, waren die Lebensversuche, die moralische Last der Vergangenheit mitzutragen.

Alice Schwarzer hat Romy Schneider persönlich gekannt. 1971 gelang es ihr, sie für ihre Abtreibungskampagne ("Wir haben abgetrieben - und wir fordern das Recht dazu für alle Frauen") zu gewinnen, 1976 hat sie ein Interview mit ihr geführt und den schüchternen Star zu Heinrich Böll begleitet, dessen Leni sie in der Verfilmung von "Gruppenbild mit Dame" verkörperte. Allein traute Romy sich den Besuch bei dem Nobelpreisträger nicht zu, wohl nicht ganz zu Unrecht, denn mit ihren weiblichen Reizen, die sie sonst so treffsicher ins Feld führte, kam sie beim guten Menschen von Köln nicht weiter. Das hat sie verletzt, zumal Böll anscheinend Angela Winkler für die Rolle der Leni vorgezogen hätte. In wüsten Briefen, die sie dann doch nicht abgeschickt hat, rächte sie sich dafür an Böll, seinen Katholizismus obszön-blasphemisch verhöhnend: "Sie wohnen doch so nah am Kölner Dom? Sich mal vor dem Altar die Hände zwischen die Beine legen. Belebt ungemein, sag ich Ihnen! ... Wenn nun Gott nichts weiter als ein Loch ist, das man im Bauch trägt. Wär doch nicht übel. Finden Sie nicht? So ein Gebet???!!!" .

Romy Schneider und Alice Schwarzer - "der Filmstar und die Feministin" - sind gewiß ein ungleiches Paar, und doch liebt die Autorin ihren "Star". Bisweilen sitzt sie sogar den Kitschfloskeln des Boulevardjournalismus auf, den sie so harsch kritisiert, ja adaptiert seinen schludrigen, in Minisätzen ohne Syntax dahinjoggenden Stil. Der Leser verschlingt diese Biografie, aber er hat nachher nicht den Geschmack auf der Zunge, als wäre er in einem Feinschmeckerrestaurant gewesen. Vom trivialliterarischen Klischee der gutherzigen armen reichen Prinzessin inmitten einer bösen und verständnislosen Umwelt, die ihr am Ende das Herz bricht, vermag Alice Schwarzer sich nicht wirklich zu lösen. Neben der strahlenden oder tragischen Heldin kennt sie nur Bösewichter, Filous oder - fast keinen - Edelmenschen.

Gemischte Charaktere existieren kaum. In den letzten Kapiteln freilich häufen sich kritische Wertungen gegenüber der Heldin: ihre katastrophal schlechte Männerkenntnis und Männerabhängigkeit, die "Tendenz zu gutaussehenden Filous oder autoritären Daddys", der zunehmende Realitätsverlust, die Flucht in sentimentale Traumwelten, zumal aber ihre nur halbherzige Emanzipation. Eine Feministin ist Romy zum Leidwesen ihrer Biografin nicht geworden.