Kaum hatte die russische Staatsduma Wiktor Geraschtschenko zum Zentralbankchef gewählt, da wurde der 60jährige schon mit Lob überschüttet.

Geraschtschenko sei ein "hochprofessioneller Spezialist", sagte der neue Premierminister Jewgenij Primakow. In Bankkreisen war Erleichterung zu spüren. "Das ist nicht nur einer der besten Kandidaten für den Posten des Zentralbankvorsitzenden in Rußland, sondern weltweit", schwärmte Jakow Dubenezkij, Vorsitzender der Promstroj-Bank.

Daß sich die meisten russischen Bankiers über Geraschtschenkos Rückkehr an die Zentralbankspitze freuen, ist wenig erstaunlich. Immerhin haben sie dem ehemals sowjetischen Staatsbanker und späteren Zentralbankchef viel zu verdanken: Kaum hatte er im Juli 1992 den Vorsitz übernommen, ließ er Kredite in Höhe von etlichen Milliarden Dollar über die Geschäftsbanken an zuvor bestimmte russische Unternehmen und Agrarbetriebe vergeben.

Doch statt die Wirtschaft vor dem Ruin zu bewahren, ließen die Kredite vor allem Bankiers, Direktoren und Politiker fett werden. Die nämlich behielten die Rubelmilliarden erst mal eine Weile auf ihren Konten und kassierten bei Geld- und Devisenmarktgeschäften ab. Erst nach Wochen oder Monaten wurden die Rubel - durch Inflation stark entwertet - weiter überwiesen. Für eine Kontrolle fehlte es der Zentralbank an Personal und technischen Möglichkeiten. Und die Bankenaufsicht war überfordert, mehr als 2000 Institute zu überwachen.

Das desaströse Ausmaß des staatlich organisierten Kapitalklaus läßt sich am Wachstum der Geldmenge (M2) wäh-rend Geraschtschenkos Amtszeit ablesen: Sie stieg von Juli 1992 bis Oktober 1994 um rund 4000 Prozen, die Inflationsrate betrug 5000 Prozent. Die russischen Bankiers, die vor allem durch Inflationsgewinne groß geworden sind und in diesen Tagen kollektiv am Rand des Abgrunds stehen, hatten Geraschtschenkos Rückkehr geradezu gefordert.

Denn der wird da weitermachen, wo er vor fast genau vier Jahren aufgehört hat. Wieder spricht er davon, daß die Geldpolitik der Industrie und dem Agrarsektor dienen müsse, und verspricht "kontrollierte Geldemission". Dabei hat er im Parlament selbst zugegeben, daß er nicht der richtige Mann für den Posten ist. Als ihn kurz vor seiner Wahl ein Abgeordneter nach Details fragte, wich er aus: "Ich entschuldige mich, aber die Frage geht nicht an die richtige Adresse. Ich arbeite schon seit drei Jahren in einer Geschäftsbank und befasse mich nicht mit makroökonomischen Fragen."

Die Zentralbank, so ist zu befürchten, wird sich zurückentwickeln. Das kranke Bankensystem wird über billige Kredite reanimiert und ein Reformhindernis bleiben