Schwerin

Würde Politik in Mecklenburg-Vorpommern auf plattdeutsch gemacht, wäre sie für ihn viel einfacher. In seinem geliebten Dialekt ist Harald Ringstorff, SPD-Landesvorsitzender und -Spitzenkandidat, ein anderer Politiker, schlagfertig, souverän, vergnügt, unterbricht sogar seine Rede. "Hallo, Schorsch", begrüßt er einen FDP-Mann, der auf einem seiner Bürgerforen auftaucht. Ringstorff frotzelt über die zwei Prozent, die der FDP prognostiziert werden. Der Liberale stichelt "up platt" zurück. Beide beharken sich - und, anders als so oft bei Rededuellen im Landtag, bleibt Ringstorff locker, freut sich am Streit.

Am 27. September wird in Mecklenburg-Vorpommern gleichzeitig mit dem Bundestag ein neuer Landtag gewählt. Die Umfragen sagen einen Machtwechsel voraus. Die SPD liegt demnach bei 41 Prozent, über zehn Prozent mehr als vor vier Jahren

die CDU, seit 1994 Seniorpartner in einer Großen Koalition, stürzt von 38 auf 28 Prozent. Der PDS werden 20 Prozent vorhergesagt. Die rechtsextremistischen Parteien DVU und NPD könnten beide jeweils über die Fünf-Prozent-Hürde kommen, Bündnisgrüne und FDP wohl kaum. Die CDU wirft schon seit Jahren Ringstorff vor, er sei "skrupellos" und "machtgeil", wolle mit den Stimmen der PDS Ministerpräsident werden. Harald Ringstorff werde doch bald 59, empört sich Thomas de Maizière, der clevere Chef der Staatskanzlei unter dem blassen Ministerpräsidenten Berndt Seite. Diese Wahl sei deshalb dessen wirklich letzte Chance.

Ringstorff reagiert gereizt auf solche Vorwürfe. Er sieht sie nicht als normales Ritual des Politikbetriebes, sondern als Boshaftigkeit, als persönliche Verleumdung, die er seinen Gegnern nachträgt. Er schafft es nicht, Vorwürfe an sich abperlen zu lassen. Auf gleicher Ebene zurückschlagen will er nicht, er ist dazu auch nicht gelassen, nicht eloquent genug. "So fasse ich Politik nicht auf", sagt er. "Es ist nicht mein Stil, wissentlich zu lügen." Was für Ringstorff Ehrlichkeit ist, nennen viele Parteifreunde unprofessionelle Sensibilität und Kleinlichkeit.

Ob er denn machtgeil sei? Da sagt er nur: "Das trifft nicht zu." Sonst wäre es mit ihm "doch in der DDR anders gelaufen". Damals hat er sich in keine Karriere gedrängt. Er studierte Chemie, promovierte, lebte in seiner Nische, blieb parteilos. Über einen Abteilungsleiterposten im Kombinat Lacke und Farben in Rostock kam er nicht hinaus. "Ich war kein Widerstandskämpfer", sagt er. "Ich gehörte zur Gruppe der Nörgler, die politisch aber nicht uninteressiert war." Die Bundestagsdebatten im Westfernsehen faszinierten ihn, besonders Willy Brandt.

Im November 1989 gründete er mit anderen dann die SPD in Rostock. Als nüchterner Naturwissenschaftler machte er die Kärrnerarbeit, vergrub sich mit fast übernatürlicher Energie in Aktenberge, paukte die bundesdeutschen Gesetze. Sogar Ringstorffs Gegner loben seinen Fleiß. Viele, auch Freunde, schütteln den Kopf über seine Detailkenntnis.