John und Anne Paulk aus Colorado Springs im US-Bundesstaat Colorado würden problemlos als amerikanisches Mittelklassepaar durchgehen: 35 Jahre alt, verheiratet, zwei Autos, ein Kind, Haus und Garten. In den vergangenen Wochen konnten Millionen Amerikaner am Glück der beiden teilhaben. Denn nach Jahren sporadischer Auftritte in Nachmittags-Talk-Shows haben die Paulks den Sprung in die großen Nachrichtensendungen und auf die Titelseite von Newsweek geschafft. Grund für ihre plötzliche Popularität ist eine Anzeigenkampagne in den einflußreichsten Tageszeitungen der USA: Da präsentieren sich John und Anne als Musterbeispiel der "Ex-Gay-Bewegung". Er war Transvestit, sie lesbisch - und nun werben sie, finanziell unterstützt von mehr als einem Dutzend christlicher Organisationen, für den Ausstieg aus der Homosexualität.

Homosexualität, sagt John Paulk, entstehe aus emotionaler Not in Kindheit und Jugend. Schwule hätten meist unter einem distanzierten Vater gelitten, Lesben seien häufig sexuell mißbraucht worden.

Johns Erfahrungen und die seiner Frau sollen diese schlichte Kausalität beweisen. Seine Eltern trennten sich, als er fünf war. Sein Vater habe sich kaum um ihn gekümmert, die Mutter sei egozentrisch gewesen. "Ich hatte kein männliches Rollenmodell. In der Schule wurde ich gehänselt, die anderen Jungs nannten mich Schwuchtel. Meine einzigen Freunde waren Mädchen, dabei habe ich mich immer wahnsinnig nach Anerkennung von meinen männlichen Mitschülern gesehnt", erzählt er. Im Alter von 14 habe er das erste Mal sexuelle Gefühle für Jungen empfunden, mit 18 dann das Coming-out erlebt, in einer Schwulenkneipe seiner Heimatstadt Cleveland in Ohio.

Anne sagt, sie sei vier Jahre alt gewesen, als ein Teenager sie sexuell mißbraucht habe. Aus Angst und Scham habe sie ihren Eltern nicht davon erzählt. Die Erfahrung habe sie verschlossen und hart werden lassen und tiefe Abneigung gegen ihre eigene Weiblichkeit hervorgerufen. "Ich fühlte mich zu Frauen hingezogen, die das hatten, was ich in mir vermißte."

Doch weder Anne noch John fanden als Homosexuelle, was sie zeitlebens suchten: eine stabile Partnerschaft. "Man findet in der Schwulenszene nichts als Sex und Promiskuität", sagt John. Im Alter von 24 Jahren habe er begonnen, die Bibel zu lesen. Da sei ihm klargeworden, daß Beziehungen zwischen Menschen desselben Geschlechts nicht funktionieren könnten, denn Gott definiere intime Liebe als eine Sache zwischen Mann und Frau.

Zur selben Zeit erfuhr er von Exodus International, einem christlichen Netzwerk sogenannter Transformationsgruppen, die Schwule, Lesben und Bisexuelle beim Wandel ihrer sexuellen Orientierung unterstützen. 1976 gegründet, unterhält Exodus heute 90 dieser Gesprächs- und Therapiekreise in den USA. Die Gruppenleiter sind zumeist Priester oder Laientherapeuten, fast alle frühere Homosexuelle.

"Wir sind sehr glücklich, und wir lieben einander"