José da Silva hat sich neue Schuhe gekauft. Nur fünf Real haben sie gekostet. Fünf Real - und nicht mehr? Doch, schon, ein paar Monatsraten kommen noch hinzu, aber die werden doch erst später fällig. Ob Schuhe, ob die Tankfüllung - in Brasilien gibt es alles auf Pump. Und so wie José da Silva rechnet, so spekuliert auch die Regierung in Brasilia. Die Wahl am 4. Oktober muß glatt über die Bühne gehen, dann wird man weitersehen. Präsident Fernando Henrique Cardoso, der mit einer Wiederwahl rechnet, kauft Zeit - und das zu steigenden Preisen.

Längst hat der globale Sturm der Spekulation Lateinamerika und damit Brasilien erreicht, doch Finanzminister Pedro Malan stellt sich taub. Nahezu täglich versucht er die Löcher zu stopfen, entwirft neue Dekrete, erhöht die Leitzinsen auf mehr als das Doppelte und senkt die Steuern für Kapitalanleger, verkündet Sparbeschlüsse und schwört Eide, daß Brasilien seine Zahlungsverpflichtungen einhält und nie und nimmer die Währung fallenläßt.

Das größte lateinamerikanische Land hat viel an Kreditwürdigkeit verloren und wird sie so schnell nicht zurückgewinnen. Von den 33 Milliarden Dollar, die in den abgelaufenen 12 Monaten in das Land hineinkamen, sind in den vergangenen beiden Wochen bereits 15 Milliarden wieder herausgeflossen. Die Devisenreserven der Zentralbank schmolzen von 72 auf 58 Milliarden Dollar

auf neuen Staatsanleihen bleibt Brasilien sitzen.

Das Vertrauen der internationalen Anleger in die emerging markets ist seit Ausbruch der Asienkrise geschwunden, das haben alle Länder Lateinamerikas schmerzlich erfahren müssen. Aber Brasilien stünde heute besser da, hätte die Regierung ihre Versprechen gehalten. Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Doch so gut wie alle Reformvorhaben, mit denen Präsident Fernando Henrique Cardoso vor vier Jahren antrat, hat der Kongreß verwässert, verschoben, zerfleddert. Das rächt sich jetzt auf dramatische Weise.

Schon im Oktober vergangenen Jahres mußte die Zentralbank 12 Prozent ihrer Reserven einsetzen, um den Real zu stützen. Damals verkündete der Präsident neben saftigen Zinserhöhungen harte Einschnitte in der öffentlichen Verwaltung. Es kam so, wie es die Auguren vorausgesagt hatten: Kaum war der erste Ansturm vorüber, "vergaß" man in Brasilia über der Wahlkampagne das Sparen. Auch die Gouverneure der 27 Bundesländer öffneten das Füllhorn über den Wählern. Die Binnenschuld türmte sich hoch auf fast 300 Milliarden Dollar

das Haushaltsdefizit explodierte binnen 12 Monaten von 4,35 auf 7,5 Prozent.