Das jedenfalls hätte ich nicht erwartet, eine 16jährige Kanzlerschaft, und vielleicht geht sie jetzt noch nicht einmal zu Ende. 16 Jahre als Journalist schreiben über diesen EINEN.

Dort vorne, vor dem alten Bonner Rathaus, verkündet diese Dauererscheinung gerade, hier sei das großartige Grundgesetz entstanden, auf das wir stolz sein könnten, wie überhaupt das Wort Stolz die Leitmelodie der Rede ist. Genau diesen Stolz wollten die Gegner uns rauben. Prüfen Sie mich und den anderen! Wo kommst du her? Was hast du gemacht? Die Sprache wird so rudimentär, als hätte man nun endgültig den alten Adenauer vor Augen.

Das hatte Wehnersches Format. Der Angegriffene, Kohl, wuchs in den Augen des staunenden Journalisten, der Bonn zu begreifen suchte, ganz automatisch mit der Größe des Verrisses. Wen Strauß so niederkartätscht, der läßt hoffen. Wehner gegen Brandt, Strauß gegen Kohl - solche Dramen gab es doch nicht einmal in der Wiener Burg. Und Helmut Kohl, die Nachwuchshoffnung aus der "Provinz", genoß durchaus Sympathien, obgleich Bonn in Parteiklüngel zerfallen war, Sympathien, die allmählich versickerten. Denn Kohl stellte sich bald an die Spitze dieser Parteiklüngelwelt.

Als der ZEIT -Journalist Rolf Zundel im Januar 1989 schrieb, Helmut Kohl sei ein "Kanzler wie ein Eichenschrank", stark und unverrückbar, während gerade ein verzweifelter Aufstandsversuch gegen den Kanzler sich anbahnte und die Einheit bevorstand, schien auch Zundel mir einfach überwältigt zu sein von der schieren Dauerpräsenz des Amtsinhabers. Reicht es denn, im Amt einfach Normalität auszudrücken? Ist Politik nicht mehr? An der Antwort gab Kohl uns lange zu knacken.

Beim ersten Besuch in Mainz hatte ich einen aufgeräumten, offenen, neugierigen und auch nicht parteiengen Ministerpräsidenten Kohl gesehen. Im Jahr 1973 kämpfte er sich an die Spitze der CDU, in Bonn erlebte man ihn bald wie umgewandelt. Kohl wurde seltsam eindimensional. Familie, nationale Geschichte und Zukunftsoptimismus, erinnert man sich, das waren die Themen des jungen Tenors. Berauscht von den Auftritten im Parlament war ich nicht. Und Schmidt schaute indigniert weg. Und dennoch, das Wort vom "Eichenschrank", das ich nicht hatte akzeptieren wollen, war einfach richtig. Das Unverrückbare des Eichenschranks ist sein Markenzeichen geworden. Wer ihn loswerden will, muß ihn eigenhändig aus dem Wohnzimmer tragen. Nächster Versuch am 27. September.

Meine 16 Jahre mit Kohl: Im Rückblick muß ich schon sagen, daß ich - mit ihm - einige Metamorphosen erlebt hat. Kohl zahlte einen hohen Preis dafür, unbedingt an die Spitze der Partei und ins Kanzleramt zu wollen. Das Junge, Reformerische an dem Mainzer schliff Bonn ab - oder er hat es sich abgewöhnt. Er verlor das Talent, eigenwillige Personen anzulocken. Jetzt schien er, so habe ich meinen Kohl erlebt, stets mißtrauisch und auf der Hut. Schluß mit lustig.

Freiheit oder Sozialismus!, das war die Lagerformel von Strauß, die Kohl übernahm. Die Ostpolitik? Falsch muß sie ja nicht sein, aber, psst, darüber reden wir erst öffentlich, wenn ich mal dran bin! Und auch das noch einmal zur Erinnerung: Der junge Kohl hatte viele Helfer mitgebracht oder angelockt, die Bonn, auch intellektuell, belebten. Aber die 16 Kohl-Jahre lassen sich auch als ein Prozeß der langsamen Ausgrenzung gerade dieser kritischen Geister beschreiben. Die liberalere, anspruchsvollere CDU, bei der man sich als Journalist durchaus aufgehoben fühlte, spaltete sich insgeheim von ihm ab. Irgendwann war es so, daß man mit der Union von Geißler und Dettling, von Weizsäcker und Süßmuth, von Schönbohm, Radunski, Veen oder auch Biedenkopf, um es einmal ganz ungeordnet zu sagen, professionell kooperierte. Kohl hingegen schien eingebunkert zu sein. Er sah Freundes- und Feindeslager. Und sein Lagerdenken prägte.