Wir, also meine Mitstudenten und ich, waren allesamt von der Wehrmacht zum Studium abkommandiert ans Anatomische Institut in Berlin. Dort gerieten wir in die Fänge eines Halbgottes in Schwarz. Dämonisch in nachtdunklen Samtkittel gehüllt, dozierte Professor Hermann Stieve, beidhändig zeichnend, über den Aufbau des menschlichen Körpers oder eilte uns mit wehendem Umhang voran in den Sektionsraum. Immer wieder von Luftschutzsirenen unterbrochen, zerlegten wir unter seiner Anleitung Leichen jeden Alters, vornehmlich und erstaunlicherweise aber tote junge Frauen, an denen sich meist keine Krankheitszeichen entdecken ließen. Nur um den Hals fanden sich Würgemale vom Erhängen.

Stieve machte kein Hehl aus der Herkunft der Toten. Es waren hingerichtete Polinnen aus einem Konzentrationslager, und wichtigtuerisch erklärte er, daß er höchstpersönlich den Vollstreckungstermin bestimmt habe. Es sei ihm nämlich um den Nachweis gegangen, daß es durchaus parazyklische Ovulation gebe, also den Eisprung außerhalb der weiblichen Regel. Er habe die Verurteilten Menstruationskalender führen lassen und dann um Hinrichtung an Tagen ersucht, an denen gewöhnlich kein Eisprung zu erwarten war. Bei nahezu allen Frauen aber war der Eisprung festzustellen, was schlagend belege, daß der Todesstreß - und somit vermutlich auch anderer - die Ovulation beeinflusse. Der Prager Kollege Hermann Knaus und der Japaner Kynsaku Ogino mit ihrer These vom immer zyklisch eintretenden Eisprung lägen also falsch und ihre Empfehlung zur Empfängnisverhütung durch Sexualverkehr nur in den "unfruchtbaren Tagen" der Frau sei nichts wert.

Halunken am Werk

Es ist für Ärzte eine teure Angelegenheit, auf dem neuesten Stand zu bleiben und sich in der Konkurrenz zu behaupten. Ein Gynäkologe, dessen Behandlungsräume für ambulante Operationen ausgerüstet sind, hat für Anästhesisten, Schwestern, Instrumentarium und OP-Tisch Kosten von mehreren tausend Mark täglich. Da werden dann schon mal Eingriffe vorgenommen, die nicht zwingend geboten sein mögen.

Ich kenne einen Pathologen, der Eierstöcke untersucht, die durch mikroinvasive Eingriffe (sogenannte Operationen durchs Schlüsselloch) entfernt wurden. Er erzählte mir einmal, daß ihm ein Frauenarzt im Verlauf eines Jahres an die vierhundert Zysten eingesandt habe, von denen nur ein Prozent krankhafte Befunde aufwies. "Haben Sie den Kollegen zur Rede gestellt"? fragte ich entrüstet. Der Pathologe schüttelte den Kopf: "Täte ich das oder informierte ihn auch nur darüber, wie die richtige Indikation zu stellen ist, dann bekäme ich bestimmt von ihm keine Gewebeproben mehr zur histologischen (feingeweblichen) Untersuchung." Operieren auf der einen und Schweigen auf der anderen Seite - beides mit Rücksicht auf den Umsatz.

Verhinderung sanften Sterbens

Der Rückzug des Arztes in den letzten Stunden eines Patienten steigert die Verlassenheit des Sterbenden und bringt den Arzt um eine für seinen Beruf enorm wichtige Erfahrung. Er sollte es sich zur Pflicht machen, gerade in dieser letzten Zeit auszuharren und das oft qualvolle Ende mitzuerleben als Schule der Barmherzigkeit.