Von der Schulbank in die Chefetage. Dabeisein, wenn Entscheidungen fallen. Eingeweiht werden in die Geheimnisse des Marktes. Für Kristin Ohliger ist das ein Traum, der bisher völlig unrealistisch schien. "So ein Nobelpraktikum gibt es eigentlich nur über Beziehungen, und die habe ich nicht", sagt die 19jährige, die gerade ihr Abitur gemacht hat. Das soll sich nun ändern dank einem Modellversuch, den das Bundesjugendministerium und der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT) gestartet haben: das Freiwillige Jahr im Unternehmen (FJU) soll das bestehende Angebot des Freiwilligen Sozialen (FSJ) beziehungsweise Freiwilligen Ökologischen Jahres (FÖJ) ergänzen.

Kristin Ohliger hat sich bei der Handelskammer Hamburg für den Einsatz in einer Werbeagentur oder in einem Verlag beworben. "Der Bereich Medienwirtschaft ist besonders gefragt", berichtet Thomas Schierbecker, Bildungsexperte bei der Handelskammer. Anfangs war man dort skeptisch: Was bringt es, wenn junge Menschen Managern zwölf Monate lang über die Schultern schauen? Und welche Kandidaten sind geeignet für eine solche Assistenz? Weil auch Querdenker und kreative Köpfe angesprochen werden sollen, die sich im traditionellen Bildungssystem nicht verwirklichen konnten, spielt der Schulabschluß keine Rolle. Trotzdem haben die Bewerbungen auf die bundesweit 500 Plätze bei Versicherungen, Autoherstellern, Tuningspezialisten oder Softwarefirmen gezeigt, daß das FJU nicht wie befürchtet zur Notlösung für jene wird, die keinen Ausbildungsplatz finden.

Freiwillige Dienste im Ausland sind sehr begehrt

Trotz des neuen Angebots sind auch die Klassiker heiß begehrt. Mehr als 10000 Jugendliche leisten zur Zeit ein Freiwilliges Soziales oder Ökologisches Jahr. Bewerber für ein Soziales Jahr müssen zwischen 17 und 27 Jahre alt sein. Die meisten arbeiten in Krankenhäusern, Altenheimen oder Einrichtungen für Kinder oder Behinderte. Den 16- bis 27jährigen Jungökologen stehen Naturschutzzentren, Nationalparks, Umweltbehörden oder Forschungsstätten offen.

Neben den Erfahrungen bringt der freiwillige Einsatz Vorteile bei der Bewerbung um einen Studienplatz, denn das Jahr wird als Wartezeit anerkannt. Außerdem besteht bei entsprechenden Studiengängen die Möglichkeit, die Dienstzeit als Praktikum anrechnen zu lassen. Das gilt auch für ein FSJ oder FÖJ in einem anderen Land Europas, vorausgesetzt, der Träger hat seinen Hauptsitz in Deutschland. Die Nachfrage nach Stellen im Ausland übersteigt bei weitem das Angebot. Nur etwa jeder fünfte Bewerber erhält einen solchen Platz.

Eine weitere Möglichkeit für 18- bis 25jährige, im Ausland bei Instituten und Projekten aus dem sozialen, kulturellen oder ökologischen Bereich zu arbeiten, ist der Europäische Freiwilligendienst (EFD), ein Programm der EU. Während des sechs- bis zwölfmonatigen Einsatzes beispielsweise bei der Bildungs- und Begegnungsstätte gewaltfreie Aktion oder für das Deutsche Institut für Tropische und Subtropische Landwirtschaft besteht ebenfalls kein Anspruch auf Kindergeld. Außerdem wird der Einsatz nicht als besondere Wartezeit für einen Studienplatz und nicht immer als Praktikum anerkannt.

Alle Angebote schärfen den Blick für eigene Ziele, verschaffen ein Zeugnis für spätere Bewerbungen und fördern die Selbständigkeit. Bei Kristin Ohliger könnte das Freiwillige Jahr im Unternehmen der erste Schritt in die berufliche Selbständigkeit werden. "Zumindest wird man durch das Projekt dazu ermutigt", sagt sie und hofft auf einen Platz schon im Oktober. Daß alle Freiwilligen jeweils nur ein Taschengeld von maximal 300 Mark monatlich erhalten, macht ihr nichts aus: "Dafür geben uns die Betriebe eine tolle Chance. Das zählt."