Große Ordnungsliebe führt zur Pedanterie - stellten sowohl Morgenstern als auch Goethe fest. Und wer will schon ein Pedant sein! Um dem aus dem Wege zu gehen, zerstört man die Ordnung also wieder bis zur erneuten Erkenntnis, man müsse mal wieder Ordnung machen. Auch das stammt von Goethe.

Im Jahr 1922 wurde in Berlin die Gesellschaft für Organisation gegründet - von zwei Registratoren, die von der Frage getrieben wurden: Wie und wo lege ich Dokumente ab, und wie finde ich sie wieder? An dem Problem hat sich bis heute nichts geändert, sagt Reiner Chrobok, und deshalb gibt es die Gesellschaft noch immer. Chrobok ist ihr Geschäftsführer. Ordnung müsse eben immer noch von Menschen gemacht werden - und genau darin liege die Schwierigkeit, auch wenn es heute bereits die vielfältigsten elektronischen Hilfen gebe. Fällt ein Dokument in die Hände von drei verschiedenen Mitarbeitern, so kann es leicht in drei verschiedenen Ordnern landen. Denn die subjektive Wahrnehmung dieser drei Menschen wirke sich schließlich auf ihr Ordnungsempfinden aus, sagt Chrobok.

ZEIT- Redakteure kämpfen mit dem Chaos ebenso wie Einmannbetriebe, Handwerker oder Manager auf höchster Ebene. Sie alle empfinden das Chaos, das sie durch den Tag begleitet, längst nicht mehr als kreativ, sondern sehnen sich zurück nach der glänzend sauberen Schreibtischplatte, die ihnen morgens beim Schritt durch die Tür entgegenleuchtet.

Das Leiden in den Büros könnte bald ein Ende finden, denn inzwischen gibt es Menschen, die dem Jammer energisch entgegentreten. Edith Stork aus Frankfurt am Main ist Beraterin für Büroorganisation und will herausgefunden haben, daß der Mensch 20 Prozent seiner Arbeitszeit mit Suchen vergeudet. Ein Manager könnte 100 Stunden pro Jahr mit unterhaltsameren Vergnüglichkeiten verbringen, würde er nur 10 Prozent seiner Suchzeit sparen.

Ordnung hat eine simple Formel: A-P-D

Wenn Edith Stork zu anderen ins Büro kommt, leert sie sämtliche Schubladen, Ordner und Ablagen und fängt ganz von vorne an. Mit den Mitarbeitern natürlich. Denn nach ein oder zwei Tagen Einarbeitung werden diese allein zurückgelassen mit dem Storkschen Ordnungssystem. Es läßt sich auf eine einfache Formel bringen: A-P-D. Administration, Projekte und Dokumentation. Mehr braucht ein gut funktionierendes Ablagesystem nicht. Bestechend simpel. Alphabetisch und durchgehend nach diesen drei Kriterien geordnet, soll die Ablage schließlich für alle Mitarbeiter zugänglich und verständlich sein. Egalisierung und Transparenz der Akten sind die Zauberwörter. Das soll am Ende dann sogar den Sekretärinnen den Sonntagnachmittagsanruf ihres Chefs ersparen: "Wo find' ich doch schnell..." - vorausgesetzt, auch er hat sich der Radikalkur von Edith Stork unterzogen.

Fast heulend saß die Etikette-Trainerin Liz Droste auf Stapeln unsortierten Papiers, nachdem Edith Stork in die Hände gespuckt und begonnen hatte. Der Unternehmerin war zwar klar, daß ihr Büro kein System hatte, sie wußte jedoch nicht, "was für eine Unordnung sich dahinter wirklich verbarg". Nachdem Edith Stork wieder weg war, räumte Liz Droste ihr gesamtes Büro um, kaufte sich einen neuen Schreibtisch und neue Gardinen. Heute weiß sie, daß es Edith Stork war, die ihr "den letzten Kick" gab.