Es soll Chuzpe heißen, was soviel wie Unverfrorenheit bedeutet, und ein paar Insider und Prominente haben es bereits gesehen: das erste Fernsehmagazin über das Leben der Juden in Deutschland. Bislang existiert es nur als Pilotfilm. Dessen Produzent, der Hamburger Filmemacher Jürgen Hobrecht, will "ein Magazin machen, das die gängigen Klischees konterkariert". Statt Holocaust, orthodoxen Juden und israelischen Soldaten soll Chuzpe das normale Leben der Juden zeigen . "Das wird kein Straßenfeger", sagt Hobrecht, "aber wir wollen Quote machen im Special-Interest-Bereich."

Der Pilotfilm konzentriert sich auf das, was in der Branche human touch heißt: das christlich-jüdische Liebespaar und die klassischen Probleme einer interkulturellen Beziehung. Den 70jährigen jüdischen Geiger, der in New York schon für den US-Präsidenten, die Königin von England und einen Mafiaboß aufgespielt hat. Dazu etwas Vergangenheitsbewältigung: eine Ausstellung über jüdische Soldaten vor 1933, die virtuelle Rekonstruktion zerstörter Synagogen im Internet, der Alltag eines jüdischen Basketballfans und ein Porträt von Yehudi Menuhin.

Allerdings ist noch nicht alles perfekt. Ein moderneres Studio-Interieur, frechere und schnellere Berichte könnten nicht schaden. Aber, sagen die Chuzpe- Macher, es handele sich ja nur um einen Entwurf. Revolutionär sei die Idee, noch etwas bieder die Umsetzung - jetzt könne es losgehen.

Beim NDR, der den Pilotfilm über die Filmförderung Niedersachsen mitfinanzierte, hat man es indes nicht eilig. Ein Sendetermin stehe noch nicht fest, sagt die zuständige Fernsehredakteurin. Dabei hat der Produzent schon die Pläne für zehn weitere Folgen des Magazins in der Schublade. Wer sie senden wird und ob sie je ausgestrahlt werden, ist offen. Um sein Projekt voranzutreiben, hat Hobrecht seinen Pilotfilm an 150 Persönlichkeiten in Deutschland geschickt - und damit große Erwartungen geweckt.

"Nötig und wichtig" sei so ein Magazin, sagt Michel Friedman vom Zentralrat der Juden in Deutschland. "Ein solches Projekt muß Herzstück eines Senders werden und quantitativ und qualitativ mit den notwendigen Mitteln ausgestattet sein." Hans Koschnick, der frühere Bremer Bürgermeister, findet das Projekt "bedeutungsvoll", und Michael Fürst, Direktoriumsmitglied im Zentralrat, freut sich schon, "daß es jetzt kommt". Nur Henryk M. Broder, der jüdische Journalist und Schriftsteller, sagt, er sehe "lieber Verona Feldbusch".

Kann es sich der NDR leisten, so hohe Erwartungen zu enttäuschen? Eines ist sicher: Der Pilotfilm wird auf jeden Fall gesendet.