Einen anderen kennen sie nicht. Er regierte schon, als die Eltern ihnen gerührt den Schulranzen auf den Rücken schnallten. Und als sie nach dem Abitur ihre Siebensachen packten, die Poster daheim von der Wand nahmen, die CD-Sammlung im Auto verstauten und ins Studium aufbrachen, da war er immer noch da.

Sechzehn Jahre lang saß Helmut Kohl als Dauergast mit am Abendbrottisch, nestelte an seinem Schlips, knispelte mit den Augen und fuhr - "Entschuldigung!!" - den Fernsehreportern über den Mund. Sechzehn Jahre: Schmidt, Brandt und Kiesinger schafften das nur zu dritt.

Vierzehn "Kohl-Kinder" stellen wir in dieser Ausgabe der ZEIT vor, querbeet durch alle Ressorts. Vierzehn Porträts sind natürlich nicht repräsentativ. Und doch scheinen uns diese jungen Deutschen zwischen 16 und 26 in vielem typisch zu sein für ihre Altersgenossen. "Ich würde meine Generation als völlig unpolitisch bezeichnen", sagt die Theologiestudentin Dorothee Schulte. "Wir sind die Kinder der sorglosen achtziger Jahre" (Seite 43).

Sorglos? Am Beginn des Berufslebens stehen allzu viele der Jungen vor versperrten Türen. Geschlossene Gesellschaft, lesen sie dort. Aber Kohls Kinder lamentieren nicht, sie experimentieren. Zerschlägt sich eine Hoffnung, probieren sie etwas Neues aus. So basteln sie an ihren Biographien. Der ständige Neuanfang ist für sie Normalität.

Umbruch, Abbruch, Ortswechsel - diesem Muster folgte bisher auch der Lebensweg der Tänzerin Anja Mannel (Seite 18). Sie gehört zu den Ost-Kindern Kohls, die er erst nach der Einheit adoptierte. Wie die Friseurin Ramona Herer, die sich in einigen Tagen selbständig machen möchte. Politik bringt sie für sich auf die Formel: Ohne Kohl keine Einheit. Und ohne Einheit kein eigenes Geschäft (Seite 60). Aber die meisten wohl empfinden Politik wie der Maschinenbaustudent Rainer Konietschke als ein "schlechtes Theater", in dem sie keine Rolle spielen (Seite 11). Sie erhoffen sich nicht viel von Staat und Gesellschaft, nehmen ihr Leben lieber selbst in die Hand: pragmatisch, illusionslos, selbstbewußt. Zukunftsangst? Null, antwortet die Tänzerin Anja Mannel.

Der Kanzler, die Politik, der Staat: das alles ist dieser Generation so fern.

Helmut Kohl sei ihr "eigentlich egal", sagt Anja Karrer, Ex-Punkerin und alleinerziehende Mutter. Die Wahl werde gewiß ausgehen "wie immer" (Seite 64). In ihrer wilden Zeit zog sie, die Ratte Mephisto auf der Schulter, mit Eiern und Tomaten zur Kanzler-Kundgebung. Jetzt will sie ihren Felix heiraten, ausgerechnet am Tag der Deutschen Einheit. Das sei doch ein schönes Symbol.