Das erste Mal Formel 1 vergißt man nie. Egal, ob man es großkotzig findet, dekadent, bescheuert, es für Sport hält oder Müll. Das erste Mal in einer Box zu stehen, die Ohren fast platzen spüren, die Luft anhalten - welche Luft? - vor Spannung, Angst haben um Fahrer, die auch nur normale, schmächtige Männer sind, sie fahren sieht, mit einer Geschwindigkeit, die eigentlich nur zum Fliegen oder zum Tod führen kann, die Hände ansehen später, in die sich die Nägel gegraben haben. Man vergißt es nie, das erste Mal, und geht, denkt sich: ein dekadenter Mist das, aber man denkt es mit schneller schlagendem Herzen.

Das erste Mal war ich bei der Formel 1 im vergangenen Jahr. Das Team von McLaren-Mercedes fuhr auf guten Plätzen, die Sieger waren die anderen. Sie waren nett, im vergangenen Jahr. Nun ist McLaren-Mercedes unter den Siegern. Verändern sich Menschen, wenn sie an der Spitze sind? Verändert sich die Sicht auf ein großes Ereignis, wenn man es zum zweitenmal schaut?

Ich sitze im Pressewagen, friere ein wenig und von der großen Erregung nichts zu spüren, denn keiner da, alles ruhig, das Rennen in zwei Tagen, und vor dem Rennen findet die Arbeit statt, die danach keiner sieht, keinen interessiert. Vor dem Rennen ist es eben einfach ruhig, und die Erregung mag sich nicht einstellen. Der Presse-wagen, eines von drei lastwagengroßen Designerwohnmobilen, gemacht aus sehr gutem Material, astreiner silbergrauer Farbe, alles wie in der VIP-Lounge der Lufthansa, darin residieren die Fahrer, Trainer, der Chef, die Presseleute während der Rennen. Vor den Wagen unter Planen die Büfetts, Raum für Interviews, Ort exzellenter Ernährung. Hier darf nur sein, wer geladen ist, wichtig, oder ich. Jedes Team hat solche Wagen.

Gegenüber die Laster mit der Technik, den Ersatzteilen, dem Werkzeug, dahinter die Boxen, in denen die Rennautos, die Computer stehen, zur Auswertung von Fahrleistung, Fahrverhalten, Strecke, Luft, Wetter: eine Art Raumstation, wo geschraubt wird, getankt, gebetet, dahinter beginnt die Tribüne für die Zuschauer.

Das ist die Welt für vier Tage, eine andere gibt es nicht für die Teams, für die Journalisten, die Frauen der Fahrer. Und das ist ihr Leben, und danach kann nicht mehr viel kommen. Was soll kommen nach Reichtum, Adrenalin und Kampf?

Formel 1 ist Überschaubarkeit hinter Gitterzäunen. Sehr überschaubar heute, es ist der Rennalltag. Die Konstrukteure, die über Millionengewinne oder -verluste entscheiden, über das Wichtigste, die Qualität der Wagen, arbeiten fieberhaft, beobachten, werten aus, die Mechaniker in ständiger Hochspannung. Die Fahrer am Trainieren, am sich Sammeln in kurzen Pausen zwischen PR-Terminen für ihre anderthalb Stunden, in denen sie sich bewähren müssen. Die Journalisten schleichen durch die Boxengasse, schauen, ob die Büfetts schon aufgebaut sind, ob es schon Champagner gibt, schon ein Star zu sehen ist.

Keiner zu sehen. Heute werden nur zwei Testrunden gefahren, um die Wagen einzustellen, Mängel herauszufinden, die Strecke kennenzulernen, die als langweilig gilt. Die Rennstrecke zu erreichen ist eine Strapaze. Viele Journalisten, Fernsehteams und Mitwirkende müssen mit dem Hubschrauber anreisen, für den Rest bleibt nur der Pkw oder das Taxi aus den bis zu zwei Stunden entfernten Quartieren, denn in der Nähe der Rennstrecke ist keine Stadt, kein Hotel. Es wird wieder Staus von drei Stunden geben und bis zu 600 Hubschrauberstarts und -landungen.