Es ist eines der ehrgeizigsten, mit Sicherheit aber das bislang größte biologische Projekt: die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts. Und natürlich stehen hinter dem Humangenomprojekt, kurz Hugo, gewaltige wirtschaftliche Interessen. Sind die Gene für Erbkrankheiten bekannt, lassen sich diagnostische Tests oder Medikamente entwickeln. Längst ist der Krieg um Genpatente entbrannt, obwohl die Forscher von ihrem Ziel einer umfassenden menschlichen Genkarte noch weit entfernt sind. 70000 Gene sind zu entschlüsseln. Dafür müssen drei Milliarden Basenpaare gelesen und ihre Botschaften verstanden werden. Eine Herkulesaufgabe, die nur von vielen Forschern gemeinsam erbracht werden kann.

Hunderte Wissenschaftler, darunter Deutsche, Amerikaner, Japaner und Franzosen, arbeiten an Hugo. Der deutsche Forschungsminister Jürgen Rüttgers setzt große Hoffnungen auf das Projekt. "Hier gründen sich neue Unternehmen, hier entstehen neue Arbeitsplätze", prophezeit Rüttgers. Acht große deutsche Pharmaunternehmen sind an dem Projekt beteiligt. Zunehmend nutzen auch die Forscher selbst die wirtschaftlichen Chancen: Vier Arbeitsgruppen, die an das Programm angeschlossen sind, gründeten Unternehmen. Weitere fünf Gründungen stehen bevor. 136 Millionen Mark flossen vom Forschungsministerium bislang in die Humangenomforschung. Mit weiteren 100 Millionen will Rüttgers Deutschlands Gentechniker "an die Weltspitze führen".

Doch nicht für alle, die an der Erforschung des menschlichen Erbguts beteiligt sind, steht die Vermarktung im Vordergrund. Das zeigt ein Besuch im "Ressourcenzentrum" in Berlin-Charlottenburg.

"Der Deal ist nicht Erbmaterial gegen Geld, sondern: Material gegen Daten", sagt Geschäftsführer Rolf Zettl, ein wissenschaftlicher Jungmanager in Jeans. Das Institut hat einen Jahresetat von acht Millionen Mark, 55 Mitarbeiter und die Aufgabe, Genforscher von der seelenlosen Arbeit des Buchstabierens zu entlasten. Dafür wird es im Gegenzug keinesfalls mit Geld bezahlt, sondern mit biologischen Daten. Wer von Zettl laborgerecht präpariertes Erbmaterial zum Selbstkostenpreis bekommt, ist verpflichtet, unverzüglich die ermittelte Sequenz der DNA an die Datenbank des Zentrums zu überspielen, also die Abfolge der Bausteine Adenin, Guanin, Cytosin und Thymin, kurz: A, G, C und T. Diese vier Basen gelten als die Buchstaben des Lebens, mit denen die Bauanleitungen für alle Eiweiße geschrieben sind.

Hinter Zettls Schreibtisch hängt eine Weltkarte, auf der die Bestellungen und Erbmaterialströme verzeichnet sind. Am Einbauschrank klebt eine Karte des menschlichen Körpers mit der Herkunft der jeweiligen Zellen. Zettl beziffert Erbgutmoleküle in "Megabasen", nennt die Erbgutschnipsel, die er verschickt, wahlweise "Bibliotheken" oder "Banken", sein Angebot "Kollektion". Küchenschrankgroß thront der Zentralserver im Computerraum am Ende des Ganges, mit fünf Modems und einer Festplatte von einem Terabyte, was 5000 CDs entspricht. Daneben ein Bandroboter, der 264 Speicherbänder verwaltet. Hier werden die Daten des Ressourcenzentrums gehortet, überprüft und auf der Homepage veröffentlicht.

Computer sind mehr als nur Arbeitsgeräte, sie sind Vorbedingung und Herzstück des Humangenomprojekts. Die Sequenzierarbeit wäre undenkbar ohne Rechnerunterstützung, die Daten des menschlichen Erbgutes würden 500 Telefonbücher füllen. Dieser Wissensschatz wäre auf Papier wertlos, vergraben in Zentnern nutzloser Information, sein Transport unbezahlbar, seine Mehrung unmöglich.

Hugos internationale Mitgliedsinstitute organisieren sich dezentral übers Internet, und auch ihre Forschungsergebnisse publizieren sie im Netz. 15 Jahre sollte das Projekt eigentlich dauern. Die Hälfte dieser Zeit ist nun um, doch erst fünf Prozent des menschlichen Erbgutes sind entschlüsselt - bei diesem Tempo müßte Hugo 200 Jahre fortgeführt werden. Daher gilt es, die Sequenzierung zu beschleunigen und den Preis zu senken: "Heute sind wir ungefähr bei einem Preis von 50 Pfennig pro Base angelangt", sagt Zettl. Angestrebt sei ein Pfennig.