Langsam reicht's. Weil die lederbehoste Regionalpartei der Stoiber, Waigel & Co. wieder mal die Zechbruderschaft aus den Bierzelten bei der Landtagswahl mehrheitlich um sich scharen konnte, droht die bayerische Staatsregierung, den Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober in Hannover zu boykottieren.

So ernst also nehmen die Freistaatler das historische Ereignis der Einigung, daß sie neue Zwietracht säen. Nein, diese Suppe ess' ich nicht, zetert der Kaspar Stoiber.

Als der Musiker im Mai sein Exposé den Auftraggebern vorstellte, war von allen Protokollchefs, Bundestag und Bundesrat, dankbares Aufatmen zu hören: "Endlich mal was anderes!"

Jetzt wollen die altbairischen Musikfreunde ihr Ja in ein Nein verfälschen. Freiheit der Kunst? Daß ein großer Teil deutscher Mitbürger Wort und Melodie dieses weder kriminellen noch "spalterischen" Liedes ("Deutschland, einig Vaterland!") als Gemeinschaft stiftendes, tröstendes Ritual erlebt haben, kommt den siegestrunkenen CSUlern nicht in den Sinn. Auch so kann man das schwierige Werk deutscher Einigung kaputtmachen.

Wehmütig denkt der westfälische Dichter Gerd Hergen Lübben an den 9. November 1997. Damals wurde auf Schloß Hambach, einem traurig stolzen Felsen der Demokratie in unserem Land, auch ein Einheitsfest gefeiert. Damals gab es im nahen Mannheim eine Hochschulwoche zur Zukunft politischer Bildung. Die Präsidentin des Deutschen Bundestags, Rita Süssmuth, hatte zur "Erinnerung an die bürgerliche Revolution von 1848" gesprochen. Ihr Vortrag war umrahmt von einem Sonett-Reigen Lübbens, einem Kantatenwerk, dessen "länderübergreifender" Verzückung "Applaus des Publikums und präsidentiale Ergriffenheit" folgten. So erinnert sich der Poet aus Essen, obwohl auch damals, "so deutlich wie eindeutig für jedes deutsch-deutsche Gehör", Musik-Zitate aus der alten DDR-Hymne zu vernehmen waren. Kommentar vom Mannheimer Morgen am 10. November 1997: "Medizin der Musik".

Welche Aussichten für die beiden Deutschländer...

Die gute alte DDR-Hymne. Keiner hat sie liebevoll höhnischer abserviert als der in der DDR aufgewachsene Uwe Johnson in seinem Epos Jahrestage. Im letzten Band (1983), kurz vor dem Tod des nicht einmal fünfzig Jahre alten Dichters, erzählt er von der staatlich verordneten Einführung der Hymne: "Im Zweivierteltakt, schlicht symmetrische Dreiteiligkeit, begleitet das Lied den gereimten Vorsatz eines mehrfachen Subjektes, ,Wir', aus Ruinen auferstanden zu sein, der Zukunft sich zuzuwenden und einem einzelnen Subjekt, ,dir, Deutschland, einig Vaterland', zum Guten zu dienen."