Ödnis ohne Ende: Wohl nirgends lag Berlin so hoffnungslos wie am Potsdamer Platz. Die Stätten der Lebenslust hatte der Krieg zertrümmert, was blieb, war Wüste, und alle Lebenswut begrub die Mauer. Bis sie fiel. Da lag die Leere plötzlich da als eine Verheißung: auf eine neue Mitte der Gesellschaft, in der sich Ost und West vereinen ohne Vorbehalt - auf einen neutralen Ort. Und auf einen Neuanfang im Zeichen der zwanziger Jahre.

Am 2. Oktober kommt dieser Anfang zum Ende: Daimler-Benz lädt zur Einweihung. 4 Milliarden Mark hat der Konzern in sein Stadtquartier am Potsdamer Platz investiert, er hat dort ein riesiges Grundstück erworben, hat 10 Straßen gebaut, 19 Häuserblöcke, ein Musicaltheater, ein Spielkasino, 2 Kinopaläste, ein Hotel, 620 Wohnungen, viele, viele Büros, 30 Restaurants und Cafés und 110 Läden. Er hat alles getan, um aus dem Nichts eine Stadt zu machen, um der Verheißung eine Form zu geben - und natürlich wird er alle enttäuschen.

Damals raste sich die Stadt in einen Rausch der Geschwindigkeit, vor lauter Autos und Straßenbahnen schien der Verkehrsknoten Potsdamer Platz fast zu platzen. Dort hatten viele große Hotels und Kaffeehäuser eröffnet, aus dem Bahnhof quollen die Menschen, dort war Großstadt, flüchtig und nervös, glitzernd und gefährlich zugleich.

Und heute? Wieder brüllt Berlin, auch wenn es vorläufig nur der Lärm der Baustellen ist. Der aber wird gierig aufgesogen: Über fünf Millionen Menschen kletterten bereits in die rote Info-Box am Potsdamer Platz und spähten auf den Wirrwarr der Bagger, Zementmischer und Kräne - immer in der Hoffnung, aus einer der Baugruben werde sich die Legende erheben. So als sei Städtebau die letzte große Kunst, von der man noch Sinn und Glück erwarten dürfe. Als müßte man nur die richtigen Steine wählen, die richtige Häuserhöhe und Straßenbreite, und schon stellte sich das wahre Leben ein. Berlin ist eine Projektionsmaschine, und am Potsdamer Platz läuft sie auf Hochtouren.

Daimler-Benz kann also nur versagen - alle Hoffnung wird enttäuscht, wenn die Wirklichkeit plötzlich steinern und unverrückbar dasteht. Den einen fehlt dann der Bezug zu Berlin, anderen das Manhattan-Flair, und dritte finden die neue Stadt zu halbherzig, zu düster oder zu versonnen. Und alle haben sie recht. Doch gerade das weist hin auf eine Stärke: Daimlers City biedert sich nicht an, sie ist weder schroff noch kühn, noch behaglich, sondern steckt voll unterschiedlicher Bilder und Stimmungen. Es gibt heitere und düstere Ecken, lockere Ensembles und geballte - die sich aber dennoch zu einem Ganzen fügen. Fast wie in einer ganz normalen Stadt, die über viele Jahrzehnte wachsen durfte.

Die Konzernstadt bekam nur vier Jahre für die Planung und vier Jahre für den Bau. Und so waren die Befürchtungen bei den Kritikern mindestens so ausufernd wie das Gelände, das die Stadt Berlin gleich nach der Wende zu einem Spottpreis an Daimler-Benz verjubelt hatte. Die Rede war damals von einem Jahrhundertfehler, vom endgültigen Ausverkauf der Stadt, die ihr Herz in die Hand privater Investoren lege. Wie sollte das auch gehen, daß ein einzelner das Mannigfaltige hervorbringt? Daß ein privater Bauherr sich private Straßen und Plätze baut und dabei mehr an das öffentliche Wohl als an sein eigenes denkt? Alle Erfahrung sprach dagegen. Denn so wie man von einem Musical oder einem Stones-Konzert nicht erwartet, es werde sich dort etwas Spontanes, Unverbrauchtes, Authentisches abspielen, so hatte man auch die Privatstadt schon als profitgesteuert und synthetisch abgeschrieben.

Und natürlich ist sie synthetisch geworden - sie verhehlt ihre Künstlichkeit nicht unter einer Pseudopatina. Doch läßt sich erahnen, welche Atmosphäre hier einziehen wird, sobald die Appretur sich abreibt. Denn ein überraschend buntes Gemisch ist entstanden, ein spannungsreiches Geflecht aus Gassen und Alleen. Rote, bräunliche und gelbe Töne prägen ein für Berlin ungewöhnlich warmes Bild - auf nackte Glasflächen, Stahl und Granit, wie man sie von der neuen Friedrichstraße kennt, verzichteten die beiden Chefplaner und Architekten Renzo Piano und Christoph Kohlbecker, statt dessen empfahlen sie Sandstein und Terrakotta. Knapp die Hälfte aller Häuser haben sie selbst entworfen, und die Außenhaut dieser Gebäude überziehen sie mit einem Flechtwerk aus Keramikmodulen. Das gibt den Blöcken den Anschein der Leichtigkeit, sie stehen da wie hinter einer Jalousie, halb geschlossen, halb geöffnet.