Das Urteil der Untersuchungskommission fiel deutlich aus: Schlampig getestete Software und die Fehler einer überforderten Bedienungsmannschaft hatten am 25. Juni dazu geführt, daß die europäisch-amerikanische Sonnensonde Soho bei einem Routinemanöver außer Kontrolle geriet. Plötzlich waren die Solarzellen, die Soho (Solar Heliospheric Observatory) mit Energie versorgen, nicht mehr auf die Sonne ausgerichtet. Der Funkkontakt brach ab, und der fast eine Milliarde Dollar teure Satellit torkelte nutzlos durchs Weltall. Doch Mitte vergangener Woche gelang es einem Team von Raumfahrtspezialisten, mit Geduld und ausgeklügelten Funksignalen das Observatorium wieder einzufangen. "Bis zum Schluß waren wir uns nie ganz sicher, ob wir Soho wieder zur Sonne drehen könnten", beschrieb John Credland von der Europäischen Raumfahrtagentur Esa die Zitterpartie.

Bis zu dem peinlichen Vorfall Ende Juni war Soho äußerst erfolgreich: Zwei Jahre lang hatte das ferngesteuerte Sonnenobservatorium mit zwölf verschiedenen Instrumenten unser Zentralgestirn ununterbrochen vermessen. Die Daten, die Soho zur Erde funkte, haben das Wissen über die Sonne enorm erweitert.

Schon länger ist bekannt, daß die Aktivität der Sonne in einem Zyklus von elf Jahren schwankt. Während ihres letzten Aktivitätsmaximums (circa 1990) störten die solaren Teilchenschauer sogar Computer und Stromnetze auf der Erde. Aus solchen und anderen Gründen hätte man gerne eine genauere Vorhersage des "Weltraumwetters". Hierfür müßte aber die Physik der Sonne noch besser bekannt sein, und die dazu benötigten Daten sollte Soho sammeln. Eine weitere Aufgabe waren exakte Messungen von "Sonnenbeben": Das Brodeln ihrer Oberfläche läßt die Sonne schwingen wie eine angeschlagene Glocke. Das Muster dieser Vibrationen erlaubt Rückschlüsse auf den inneren Sonnenaufbau.

Schließlich sollte Soho eine alte Frage beantworten helfen: Wie kommt es, daß die Sonne von einer drei Millionen Grad heißen Gashülle, der Korona, umgeben ist, während die Sonnenoberfläche mit "nur" 5500 Grad strahlt? Des Rätsels Lösung sind vermutlich Magnetfelder, die von aufsteigendem Plasma in die Korona getragen werden. Dort setzen sie ihre Energie durch magnetische Kurzschlüsse frei. Das dünne Gas der Korona kann die Energie nicht schnell loswerden und heizt sich enorm auf.

Für seine Beobachtungen hat Soho einen Logenplatz: Das Observatorium umkreist nicht die Erde, die ihm häufig die Sicht versperren würde, sondern einen Punkt zwischen Sonne und Erde, wo sich deren Gravitationskräfte aufheben. Dieser Ruhepunkt liegt etwa anderthalb Millionen Kilometer von uns entfernt, viermal weiter als der Mond.

Auf solche Distanz ein kompliziertes Observatorium dauerhaft zu betreiben fällt nicht leicht. Daher ist Soho ein Gemeinschaftsunternehmen der diesbezüglich erfahrenen Nasa und der Esa, der Eigentümerin der Sonde. Zwar sind die Amerikaner auch wissenschaftlich beteiligt, die meisten Instrumente stammen jedoch aus Europa. Wie nun aus dem Bericht der Untersuchungskommission hervorgeht, haben Sparmaßnahmen beider Raumfahrtbehörden das Debakel vom 25. Juni mitverursacht: Nach einem Jahr Betrieb reduzierte die Esa ihr Team im Kontrollzentrum am Goddard Space Flight Center im amerikanischen Greenbelt auf zwei Ingenieure, die nur gelegentlich Verstärkung aus Europa erhielten. Die Nasa rationalisierte ebenfalls: Sobald die Sonde ihren Betrieb aufgenommen hatte, erhielt der Soho- Betriebsdirektor noch andere Aufgaben und konnte nur noch ein Zehntel seiner Zeit dem Observatorium widmen. Zu allem Überfluß wurde diese Stelle in zwei Jahren fünfmal neu besetzt. Der Bericht konstatiert einen "Mangel an klarer Führung". Ebenfalls um Kosten zu sparen, aber auch um mehr Zeit für wissenschaftliche Messungen herauszuholen, war kurz vor der Panne die bewährte Computersoftware durch eine neue ersetzt worden. Zwei kleine Programmierfehler darin lösten jene Ereigniskette aus, durch die Soho schließlich dem unterbesetzten und von der Notsituation überforderten Kontrollpersonal entglitt.

Sofort nach dem Zwischenfall wurde ein zehnköpfiges Team aus Ingenieuren der Esa und der Herstellerfirma nach Greenbelt geschickt. Die Techniker hatten bereits einschlägige Erfahrungen mit dem europäischen Fernmeldesatelliten Olympus, der 1991 in ähnlicher Weise verlorenging und wieder eingefangen werden konnte. Nachdem Soho Ende Juli mittels Radar geortet war, gelang bereits im August der erneute Funkkontakt mit ihm. Doch nach sechs Wochen ohne Solarstrom waren die Batterien fast leer und der Treibstoff für die Steuerdüsen eingefroren. Mit dem Solarstrom waren nämlich auch die Heizsysteme ausgefallen, die Sohos empfindliche Teile vor der Kälte des Weltraums schützen.