Wo ist der Sitz der Liebe? Die Kulturen sind sich nicht einig. Was unsere bevorzugte Behandlung des Herzens betrifft als lebendiger Mitte des Gefühls, als unumschränkter und autonomer Herrscher, so ist ja noch nicht ausgemacht, was die Technik der Herzverpflanzung mit der kordialen Metaphorik anstellen wird. Die Eskimos denken ohnehin anders darüber, die Asiaten privilegieren den Bauch... Der Blick aber, der einen gemeinsamen Raum zwischen den Menschen schafft, eine eigene, intime Sphäre, ist transkulturell ein Leitmotiv - und dann ist da noch der Kuß, das Berühren und Schmecken des anderen, der erste Austausch von Körpersäften, Aroma und Unwillkürlichkeit, das Siegel der Lippenhäute. Nicht zufällig ist der Judaskuß ein ganz besonderes Exemplar der allergrößten Verwerflichkeit, denn er ist Intimität und Lüge in einem Akt. Oder hat die Lüge die Intimität schon aufgehoben?

Es ist das Leichteste, den Präsidenten Clinton vom Mann zu trennen und auf zwei Körpern des Königs zu bestehen, auch wenn es immer schwieriger zu sein scheint, dabei auch zu bleiben. Auf CNN stellt Larry King mit rührender Penetranz die immergleiche Frage und entwaffnet doch seine Gegner nicht: Was geht es uns eigentlich an, wenn unser Präsident mit einer erwachsenen Frau herumknutscht - auch wenn wir zugestehen wollen, daß ein Mariott-Hotelzimmer passender gewesen wäre als ausgerechnet das Oval Office? Es geht uns etwas an, antworten mit ernster Aufrichtigkeit seine Gesprächspartner, vorwiegend Frauen: Wie sollen wir unsere Kinder zu anständigen Menschen erziehen, wenn die höchste Autoritätsperson des Staates lügt und betrügt, besticht, Meineid leistet? Wer das Knäuel bis zum Anfang entwirrt, hält zwei dünne Fäden in der Hand. Warum, lautet der eine, hat der Präsident nicht auf Wahrung seiner Intimsphäre bestehen können? Warum hat er nicht einfach gesagt: Was ich mit M. L. tat, geht nur mich und sie etwas an und vielleicht auch noch meine Frau? Der zweite Faden ist mit dem ersten verknüpft, als eine Vermutung. Die hat mit Halbheit zu tun.