Eigentlich kommt der Herausforderer zuerst. Und es ist nicht gerecht, daß er sich mit 35 Minuten begnügen muß, während der Titelverteidiger ganze 50 zur Verfügung hat. Auch fehlten in dem "Wahlschlacht"-Film, der Kohl gewidmet war, die hämischen Töne völlig, während das "Endspurt"-Feature, in dem Schröder "beim Stimmenfang" begleitet wurde, den Kandidaten gern vorführte. Aber je nun, die beiden Specials liefen - hintereinanderweg - auf Sat.1, da kann man nichts anderes erwarten. Und abgesehen von den kleinen Verstößen gegen die Regeln des Fairplay, bewies der Abend schlagend, wem sich die Politik in Sprache, Gestus, Ausstrahlung anzugleichen versucht: dem Sport.

Sport ist - so heißt es - ideologiefrei und grenzenlos populär. Also kommt ein Politiker gut weg, der sich wie ein Sportsfreund in Szene setzt. Eine Kämpfernatur will er darstellen, einen Kraftmeier, einen Besserkönner; sollte das Publikum seine Punkte dennoch anders vergeben, wird sich der Nichtgewählte auch in der Niederlage bewähren und ungebeugt vom Platz gehen. Der Sportjargon ist keine Metapher mehr, er ist Politidiom geworden. Es wird noch so weit kommen, daß Fußballer und Boxer sich neue Codes und TV-Strategien zurechtlegen müssen, um sich von Kanzlern und Ministern abzugrenzen.

Der Oberbegriff für Sport und Politik lautet Kampf, und man kommt nicht daran vorbei, daß für die Darbietung von dessen Ablauf verwandte dramaturgische Gesetze gelten. Das war im alten Rom nicht anders, hat sich auch im "deutschen Jahrhundert" durch Republik und Diktatur hindurchgezogen. Das Fernsehen ist nicht verantwortlich für die Versportung der Politik (auch nicht für die Vermarktung des Sports), es sorgt im Gegenteil durch seine Vorliebe für diskursive Auflösung insbesondere politischer Fehden dafür, daß die vermißten Inhalte wenigstens am Rande erscheinen.

Das galt auch für 24 Stunden auf Sat.1, wo Kohl und Schröder neben all den Phrasen auch Worte fanden, die sich anhörten wie "Euro" oder "Arbeit". Und die Leute, die da klatschten und buhten, wußten genau, daß sich die Politik in ihr Leben hineinverlängert, anders als ein Fußballmatch.