Das muß man sagen, die Meinungsbefrager allerorten waren besser als ihr Ruf", sagte Gerhard Schröder am Abend der Niedersachsenwahl nach einem unerwartet hohen Sieg. "Besser als ihr Ruf" - ist die Aussage des Siegers ein Trost für die vielgescholtene Profession? Hatte sie dieses Mal wirklich die Prüfung bestanden? In der Tat, die vor der Wahl veröffentlichten Umfragen hatten der SPD eher eine Verbesserung ihres Ergebnisses angezeigt und die CDU etwa bei ihrem alten Ergebnis gesehen. Bei den Grünen schien ein Zuwachs wahrscheinlich, und bei der FDP herrschte weitgehend Ungewißheit, ob sie die Fünfprozenthürde schaffen würde oder nicht. So schlecht war das nicht, summa summarum. Schon mit der Prognose um 18 Uhr am Wahlabend waren dann die Größenverhältnisse aller Parteien klar, selbst bei der FDP, die mit 4,9 Prozent schließlich knapp den Einzug ins Parlament verfehlte.

Es herrscht viel Verwirrung über die Begriffe. Nicht nur das Publikum, auch die Journalisten verwechseln oft Erhebungen zur politischen Stimmung im Lande mit Prognosen. Sie verwechseln die Institute, und sie scheren sie gerne über einen Kamm. Prognosen und Hochrechnungen werden oft in einen Topf geworfen.

Die Wahlforschung ist eine wissenschaftliche Disziplin, die auf der Basis theoretischer Ansätze Hypothesen formuliert und diese empirisch zu überprüfen sucht. Dabei bedient sie sich unter anderem sogenannter Individualdaten, die aufgrund der Befragung von Individuen ermittelt werden: über ihre Einstellungen, ihr Verhalten oder auch nur ihre Verhaltensabsichten, darüber hinaus aber auch über ihren sozialen Kontext, wo und wie sie leben, arbeiten und ihre Freizeit verbringen, ihr Alter, ihre Bildung, ihre Interessen. Aus der Summe dieser Daten versucht die Wahlforschung das Wahlverhalten zu erklären. Gelingt das hinreichend und erkennt man daraus verallgemeinerbare Regeln, so kann man unter möglichst genauer Kenntnis der Bedingungen vor Wahlen auch Prognosen über deren Ausgang abgeben. Die Wahlforschung bedient sich also der Umfragen, um zu analytischen Daten zu kommen.

Das ist etwas völlig anderes als die gesammelten Antworten auf die Frage: "Was würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag Wahl wäre?", die, wenn sie korrekt erhoben werden, die Stimmung im Lande gegenüber den Parteien wiedergeben können, nicht aber das Wahlverhalten der Befragten am "nächsten Sonntag" oder an einem anderen in der Zukunft liegenden Datum. Wäre tatsächlich Wahl, wären die Bedingungen ganz andere: Es gäbe einen Wahlkampf, es gäbe Versuche der Parteien, ihre Klientel zu mobilisieren, möglicherweise auch Polarisierungen in der Wählerschaft; es gäbe vielleicht taktische Überlegungen der Wähler im Hinblick auf Koalitionen, und es gäbe sicherlich ein anderes Verhalten der Politiker gegenüber ihren Anhängern und Gegnern als zu wahlfreien Zeiten. Die Wähler brauchten auch nicht hauptsächlich ihre gegenwärtige Verärgerung oder Bewunderung gegenüber Parteien und Politikern zum Ausdruck zu bringen, sondern besönnen sich für ihre Entscheidung auf ihre längerfristigen Bindungen und Interessenvertretungen.

Es ist also ein großer Unterschied, ob man in Umfragen aktuelle Stimmungen erfaßt oder ernsthafte mittel- oder langfristige Prognosen auf der Basis von theoretischen und empirischen Erkenntnissen aufstellt. Nähern wir uns Wahlen, so tummelt sich eine ganze Reihe von Instituten auf dem Felde politischer Umfragen. Es sind Institute, deren Hauptanliegen in der Regel nicht die Erklärung von Wahlverhalten ist, sondern der Umsatz oder die Gewinnsteigerung ihrer kommerziellen Forschung. Sie versuchen mit der Teilnahme am Rennen um die beste Voraussage gegenüber ihren (potentiellen) Auftraggebern die Genauigkeit ihrer Erhebungsinstrumente nachzuweisen. Es ergibt sich schließlich nicht allzuoft die Möglichkeit, die Qualität der Daten öffentlich zu prüfen. Zu diesen Instituten gehört zum Beispiel "der Welt bestes Prognoseinstitut" (Eigenreklame) am Bodensee. Doch lediglich 15 Prozent des Umsatzes dieses Instituts stammen nach eigenen Angaben aus Aktivitäten im politischen Bereich.

Inzwischen fragen auch viele Medien vor Wahlen Daten nach. Diese Daten sollen einerseits möglichst gut und andererseits möglichst billig sein. Die Kosten für Datenerhebungen nach den Regeln der Kunst sind allerdings hoch, wobei die Qualitätskontrollen schwierig und die Angaben der Institute über Stichprobenausschöpfungen und andere Qualitätsmerkmale kaum zu überprüfen sind. Um zumindest grob beurteilen zu können, was da publiziert wird, sollten wenigstens Angaben vorliegen über Stichprobengröße, Grundgesamtheit, Befragungszeitraum und Befragungsmethode, Frageformulierung und über die Auftraggeber der Erhebung.

Manche Institute wollen mit ihren Daten Politik machen