Vergessen wir den Wahlkampf, freuen wir uns auf den Wahltag: Wahlen sind Chancen. Jetzt bietet sich eine Chance, die deutschen Fenster aufzumachen. Luft muß rein, Neues liegt in der Luft. Ein Wechsel tut not, er wird guttun. Jede andere Koalition ist besser als die jetzige.

Die Bilanz der letzten vier Jahre ist schlecht, auch wenn man die Blockade-Politik der SPD in Rechnung zieht. Die Bilanz wäre verheerend, wenn nicht Helmut Kohl den Euro durchgesetzt hätte. Aber Kohls Zeit ist abgelaufen, jeder spürt es. Selbst die CDU nimmt Abschied, das ist eine der wenigen Erkenntnisse aus dem Wahlkampf. Der wiedergewählte Kanzler würde nicht wieder erstarken. Deutschland braucht Führung statt Nachfolgewirren.

Für Schröder spricht seine Kraft und Lernfähigkeit; im Amt kann er wachsen. Gegen Schröder spricht seine schwache Leistung als Ministerpräsident; sein Opportunismus, der das bekömmliche Maß übersteigt, und seine Beliebigkeit. Ihm fehlt jenes feste Koordinatensystem, das überragende Politiker kennzeichnet. Er ist unwillig oder unfähig, Loyalitäten zu schaffen. Die Partei hat er nicht im Griff. Das sind eine Menge Schwächen. Aber sie besagen nicht, daß er eine schlechte Politik machen würde.

Wer Schröder wählt, wählt auch Lafontaine. Oskar Lafontaine hat sich auf die Zeit nach der Wahl gut vorbereitet, das wird Schröder merken. Der SPD-Vorsitzende weiß, was er will, und vielleicht trügt das Bild vom Uralt-Sozi. Auf seine behutsame Weise hat in Frankreich der "rückständige" Sozialist Lionel Jospin mehr bewegt als in Großbritannien der blendende Tony Blair. Der eine gestaltet, der andere verkauft: Lafontaine und Schröder, das kann ein gutes Tandem werden - oder ein fürchterliches, wenn sie einander befehden, statt sich zu ergänzen. Von Belang ist hier die "Sekundärtugend" der Zuverlässigkeit. Wahlen sind Chancen, die man verspielen kann.

Die eine Chance sollten sich die Bürgerinnen und Bürger nicht entgehen lassen, nämlich die FDP aus der Regierung - aber nicht aus dem Bundestag - zu entfernen. Diese Partei hat seit Jahren nichts mehr gebracht: Wer kein Stehvermögen hat, der soll sich auf die Oppositionsbank setzen.

Die Binnenwirtschaft bedarf weiterer Liberalisierung, die Weltwirtschaft aber einer stärkeren Regulierung. Der Neoliberalismus stößt an seine Grenzen, doch die heutige FDP hat nichts anderes zu bieten. Eine Partei des Standorts, ohne Standpunkt. Ein Hang zur Effekthascherei, ohne jede Wirkung. Eine krasse Interessenpolitik, ohne Gestaltungskraft. Die FDP soll nicht regieren, sondern sich regenerieren - diese Ansicht teilen selbst führende Freidemokraten.

Joschka Fischer wäre ein guter Außenminister

Die Politik prägen nicht die kleinen, sondern die großen Parteien. Einst zählte das Programm, heute ist auch die SPD ein Kanzlerwahlverein - wer redet überhaupt noch von den Sachfragen?

Arbeitslosigkeit: Gerhard Schröder will dort ansetzen, wo Helmut Kohl völlig versagt hat - bei einem Bündnis für Arbeit. Er kann es nur besser machen.

Rentenreform: Kohl hat kein Konzept und Schröder ein unausgegorenes.

Steuerreform: Wenn sich SPD und CDU nicht einigen, bleibt sie wohl Stückwerk.

Europapolitik: Schröder hat noch kein Gesicht und Kohl ein doppeltes; er will die EU nach Osten erweitern, scheut aber die Folgen, also Mehrkosten, Stärkung der Brüsseler Zentrale und Reform der Landwirtschaftspolitik.

Ausländer: Die CDU bleibt verschlossen, und die SPD ist unschlüssig. Wie läßt sich der Zustrom steuern, nach welchen Kriterien und unter welchen Härten wird er begrenzt? Über diesen Kernpunkt einer jeden Einwanderungspolitik schweigt Schröder, der zum Glück dafür eintritt, daß Ausländer leichter Deutsche werden.

Ökosteuern: Der Aufbau eines modernen Steuersystems, das die Arbeit entlastet und den Verbrauch von Energie belastet, ist eine große Aufgabe der nächsten zwanzig Jahre. Die SPD will, aber sie hat den Bedenkenträger Gerhard Schöder. Die CDU will nicht, aber sie hat den Hoffnungsträger Wolfgang Schäuble.

Beide großen Parteien haben es unterlassen, die Bürger auf Reformen und Neuerungen einzustimmen. Schröder will "nicht anders, sondern besser" regieren. Kohl zieht es vor, den Bundespräsidenten Lügen zu strafen: "Sicherheit statt Risiko" lautet sein unerträglicher Spruch - und da soll tatsächlich ein "Ruck" durchs Land gehen?

Wahlen sind Chancen, auch wenn sie nicht ganz so groß sind. Deutschland braucht Wechsel um des Wandels willen. Vielleicht muß es sich mit dem Wechsel um des Wechsels willen begnügen. Bei der Eigendynamik, die jedem Wechsel innewohnt, ist das immer noch besser als "Weiter so". Auch für den Bürger ist Politik die Kunst des Möglichen, und das ist nicht geringzuschätzen: Das Volk hat jetzt die Möglichkeit, erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik eine Regierung abzuwählen. Eine Stunde der Demokratie, wie sie selbstverständlich sein sollte. Ob die Deutschen, mit ihrer obrigkeitlichen Tradition, davor zurückschrecken?

Rot-Grün begeistert fast niemanden mehr. Einst war das ein großes Vorhaben, jetzt würde daraus bestenfalls ein Zweckbündnis auf Zeit und mit schwachem Atem - in den Bundesländern sind rotgrüne Koalitionen vor allem blaß.

Kanzler Schäuble, Vizekanzler Lafontaine - das wäre reizvoll

Eine Große Koalition brächte weniger Wechsel, nicht aber zwangsläufig weniger Wandel. Vielleicht schaffen nur die beiden großen Parteien jene Einschnitte, die heute als unsozial gelten, aber den Nachgeborenen einen sozialen Staat erhalten. In der Opposition könnten die Freidemokraten sich besinnen und die Grünen ihren Dauerstreit austragen. Und die extreme Rechte? Sie kommt schneller empor, wenn schlecht regiert wird. Das gilt für jede Koalition und erst recht für die bestehende.

Die Wahl ist schwierig, weil die Trennlinie zwischen Erneuerern und Betonköpfen querbeet durch alle Parteien verläuft. In welcher Konstellation werden die Reformkräfte am besten zueinanderfinden und sich entfalten? Eines läßt sich voraussagen: Nur stabile Koalitionen können gute Koalitionen sein. Das muß nach der Wahl den Ausschlag geben.

Rot-Grün bringt Deutschland weder Untergang noch Niedergang, während die Große Koalition allemal ein schwerer Gang wird, wie immer sie ausfällt. Rot-Schwarz mit Bundeskanzler Schröder? Oder Schwarz-Rot mit Bundeskanzler Schäuble und Vizekanzler Lafontaine? Letzteres wäre nicht ohne Reiz. Wahlen sind Chancen, auch unverdiente.

Zeit für den Wechsel.