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Im Bereich der früheren KZ-Gärtnerei von Neuengamme in den Vierlanden herrscht Hochbetrieb an diesem regnerischen und windigen Augusttag. Eine Gruppe Jugendlicher aus Italien, Belgien, Rußland, Frankreich und Kroatien schaufelt schweren Lehm aus einem zugewachsenen Bewässerungskanal. Schweißtreibende Körperarbeit auf historisch belastetem Boden: In dem 65 Hektar großen Lager des ländlichen Hamburger Stadtteils starben von 1938 bis 1945 rund 55000 Menschen, "vernichtet durch Arbeit".

Zwei Wochen Semesterferien hat Efflam Le Cornec für dieses Treffen "geopfert". Den Ausdruck mag der Geschichtsstudent nicht besonders, denn dafür interessiert ihn das Ganze zu sehr: "Das ist mit Händen greifbare Geschichte. Diese diabolische Hitlersche Vernichtungsmaschinerie schockiert und fasziniert mich gleichzeitig." Die Plackerei im Kanal empfindet der 23jährige Bretone als "dankbar und bereichernd", das sei eine "Hommage an die Toten". Und wie die meisten Helferinnen und Helfer ist Le Cornec überzeugt, daß es sich lohnt, auch in unspektakulären Schritten "gegen das Vergessen" anzukämpfen, damit sich die Vergangenheit nicht wiederhole.

Junge Leute aus 13 Nationen wollen Zeichen setzen

Hinter dem langgestreckten Klinkerwerk sind sechs weiße Wohnzelte aufgestellt, daneben eine schwarze Jurte für gemeinsame Mahlzeiten und ein ansehnlicher Fuhrpark geliehener und geschenkter Fahrräder. In einem Küchenzelt bereitet Suma Kaza, die zukünftige Ärztin aus Indien, mit der Polin Marta Lewandowska und einer Amerikanerin das Essen für dreizehn Nationen zu. "Wir sind einander gegenüber sehr offen", lobt die neunzehnjährige Warschauerin beim Zwiebelschneiden. "Hier wollte ich Leute aus anderen Ländern kennenlernen und etwas aktiv gegen das Vergessen tun. Natürlich bin ich auch gespannt, wie junge Deutsche ihre Geschichte sehen", erklärt die Sprachstudentin, die sich vom Workcamp-Aufenthalt ihres Freundes in Dachau inspirieren ließ und sich mit Lektüre auf die Thematik vorbereitet hatte.

Vor der Küche gesellt sich ein vierzehnjähriger Deutscher dazu, mit Abstand der jüngste Teilnehmer. Das KZ-Gelände kennt der gebürtige Neuengammer von unzähligen Radtouren, und schon öfter hat sich der Gymnasiast mit ehemaligen Gefangenen über den Lageralltag unterhalten. Jetzt hilft er bei der Renovierung der riesigen Klinkerhalle mit, deren Ausmaße ihn tief beeindruckt haben, "da spürt man förmlich, was hier geschehen ist. Meine Generation weiß gar nicht richtig Bescheid." Am liebsten möchte er die Justizvollzugsanstalt weghaben, die nach dem Krieg ausgerechnet mitten im KZ-Gelände in Betrieb genommen wurde und ein Hamburger Dauerpolitikum geblieben ist.

"Neuengamme" verknüpft Rica Kall mit dem Schicksal ihres Urgroßvaters, den die Nazis aus politischen Gründen ins KZ verschleppt hatten. "In meiner Familie will niemand etwas davon wissen", sagt die Rostockerin. "Freunde und Bekannte hielten mich für blöd, daß ich überhaupt bei so etwas mitmache. Bevor ich hierherkam, hatte ich Angst, weil ich mich vor Toten fürchte."