Ich war 13 oder 14 Jahre alt, als zwei junge, engagierte Pastoren in unser katholisches Werne kamen. Die trugen Jeans unter dem Talar, spielten im Gottesdienst Gitarre - das kam mir schon revolutionär vor. Damals habe ich angefangen, Kindergottesdienste zu machen, und da blitzte zum erstenmal die Idee auf: Lehrerin sein, mit Kindern leben und arbeiten - das wäre das richtige für mich. Zu Abiturzeiten liebäugelte ich auch mit dem Gedanken, mich als Hebamme mit alternativen Geburtsmethoden selbständig zu machen oder Logopädin in einer tollen Stadt wie Heidelberg zu werden. Aber ich hatte einen festen Freund in Werne, und die Uni in Münster war so schön nah - also schrieb ich mich da im Herbst 1980 fürs "Lehramt Primarstufe" ein. Im Gegensatz zu unserem behüteten Mädchengymnasium war das ein völlig anonymer Massenbetrieb. Meine Mutter hatte mir zugeredet, ein Zimmer zu nehmen, aber aus Schiß vorm Alleinsein bin ich erst mal zu Hause wohnen geblieben.

Lehramtsstudium "Primarstufe" - in den Köpfen der meisten Leute ist das nichts weiter als eine akademische Ausbildung für Kindergärtnerinnen. Im Berufsleben spiegelt sich diese Geringschätzung in der niedrigsten Besoldungsstufe wider, die es für Lehrer gibt. Die wenigen Männer, die sich mit einer solchen Ausbildung abgeben, sind komische Typen, keiner von denen hat mich auch nur im geringsten interessiert. Trotzdem war die Zeit in Münster ganz nett, Lulu, Betty und ich hingen wie ein Kleeblatt zusammen. Es gehörte einfach dazu, unsere düsteren Berufsaussichten fröhlich zu verdrängen.

Die Wartezeit bis zum Referendariat konnte ich mit einem Aushilfsjob bei den VEW in Münster überbrücken. Fast zwei Jahre lang habe ich damit zugebracht, bei säumigen Stromkunden die Zahlung anzumahnen. In dieser Zeit bekam ich echten Respekt vor meinen Kollegen, die schon kaufmännisches Rechnen beherrschten, als wir noch Brecht-Texte seziert haben. Kurz bevor mein Arbeitsvertrag bei den VEW auslief, bekam ich eine echte Chance umzusatteln.

Mein damaliger Mann hatte einen Job im Ikea-Zentrallager in Werne. Über ihn erfuhr ich, daß man jemanden für eine Mutterschaftsvertretung suchte. Ich stellte mich vor, und es hat geklappt. Etwas Besseres hätte mir nicht passieren können. In keinem anderen Unternehmen hätte ich ohne Berufserfahrung ähnliche Chancen gehabt. Schon nach ein paar Monaten rutschte ich in eine Abteilung, wo Leute mit Fremdsprachenkenntnissen gesucht wurden.

Dort blieb ich sieben Jahre, in denen ich kreuz und quer durch Europa "dienstgereist" bin, ich lernte Schwedisch und Niederländisch und fühlte mich unglaublich wohl mit meiner Arbeit.

Kurz nach der Wende bekam ich Angebote, nach Mailand oder nach Ostberlin zu wechseln. Ich konnte mir damals zwar gut vorstellen, ins Ausland zu ziehen oder zumindest aus Werne wegzugehen, doch es gab auch etwas, das dagegen sprach. Etwa zeitgleich zum großen politischen Umbruch hatte sich auch mein Privatleben umgekrempelt. Mein Mann und ich hatten uns getrennt, und noch im selben Jahr lernte ich in Köln meinen jetzigen Mann kennen. Komisch, aber auch bei dieser Geschichte war Ikea im Spiel

der Bruder meines Mannes war ein ehemaliger Kollege. Meiner Abteilung stand eine Umstrukturierung bevor, das brachte einen Standortwechsel mit sich, der unser Team auflösen würde.