Ihre Träume hat Anja Karrer nur ein einziges Mal preisgegeben. Damals war sie so berauscht von ihrer neuen Liebe, daß sie dem Jungen ihre Gedichte geschenkt hat. Nach ein paar Tagen war Schluß, und Anja hatte keine Abschrift von der chaotischen Textsammlung, die ihr Leben ordnet. "So wie andere in Fotokisten wühlen, wenn sie sich erinnern wollen, lese ich in meinen Gedichten", sagt die 23jährige Tübingerin. Sie hat sich ihre Sehnsüchte, Ängste, Lebensentwürfe, zusammengeschnürt in einem dicken Packen Papier, zurückgeholt. Dem Jungen war's egal.

Tagebuch schreibt Anja schon lange nicht mehr. Nur noch in Verse codiert quetscht sie ihre Stimmungen auf Einkaufszettel oder malt sie in Schönschrift auf edles Papier. Während ihrer "wilden Zeit" haben ihre Eltern ihr Tagebuch gelesen. Damals, "zwischen vierzehn und siebzehneinhalb", war Anja ein Punk und ihre Familie krank vor Sorge. Nach den Schularbeiten zog sie mit ihrer Ratte Mephisto und ihren Freunden auf die breite Treppe vor der Tübinger Stiftskirche. Passanten anpöbeln, Spaß haben. Aber keine harten Drogen, "noch nicht mal Schnapszeug", sagt Anja. Trotzdem sah das zierliche Mädchen fertig aus: Der geliebte Mephisto war Gift für ihre Neurodermitis. Seine Krallen hinterließen auf den wunden Armen Abdrücke, die anschwollen wie Insektenstiche. Daß ihre Eltern die blutig gekratzten Stellen für Nadeleinstiche hielten, hat Anja tief verletzt

daß sie zu ihrem Tagebuch griffen, statt mit ihr zu reden, noch mehr.

Seit sechs Monaten hat Anja selber eine Tochter und versteht plötzlich, warum ihre Eltern "nicht so cool" waren, wie sie es sich damals gewünscht hat. "Als Lara geboren wurde, hatte sie Augen wie ein Robben-Baby, sie sah aus, als brauchte sie allen Schutz der Welt."

Wenn Anja heute durch die Stadt schlendert, starrt sie keiner mehr an wie eine Aussätzige. Aber sie fällt immer noch auf mit ihren 250 Rasta-Zöpfchen, die ihr zwei Freundinnen in 14 Stunden geflochten haben. Wie eine kleine exotische Königin trägt Anja diese Pracht im Nacken und ihr Baby im bunten Tragetuch auf dem Bauch. "Hast du ein paar Groschen?" rufen die Punks der nächsten Generation, die immer noch in der Nähe der Kirche rumhängen. "Oder vielleicht ein Kind zu verschenken?" Selten ist Anja um einen frechen Spruch verlegen, aber das ist jetzt so ein Moment. Sie kichert und drückt ihrer Tochter einen Kuß auf den Kopf.

In ihrer WG spricht sie manchmal mit Bodo, einem Mitbewohner, über gemeinsame alte Zeiten auf der Kirchentreppe. Man hatte sich in der Ausbildung zum Jugend- und Heimerzieher wiedergetroffen. "Irgendwie bin ich aus der Punkszene rausgewachsen", sagt Anja. Kein bewußter Schritt. Punk und Pubertät, das war eins. Danach stand sie erst einmal hinter der Bar in einem Jugendhaus, leitete dann eine Mädchengruppe und zog wieder normale Jeans an.

Immer wieder fragt sich Anja, was ihre Tochter zu den Fotos sagen wird, die ihre Mutter mit Hundehalsband, orangeroten Haaren und einem Trauerrand unter den Augen zeigen, für den sie einen halben Kajal verschmiert haben muß. Und ob sie dann eine Erklärung dafür hat, warum Menschen, die um nichts auf der Welt nach ihrem Aussehen beurteilt werden wollen, eine Dose Haarlack am Tag verbrauchen. Bislang fällt ihr dazu nur ein, was Eltern halt so antworten auf knifflige Fragen: "So war deine Mama eben mal." Bürgerschreck wollte sie sein, eine romantische Rebellin. Ihr Großvater war geschockt: "Da kommt die aus dem Hinterhaus", sagte er, wenn er die Enkelin sah.