Wann fängt die Erinnerung an? Kann es sein, daß sich eine Frau des Gitterbetts entsinnt, in dem sie als Wickelkind saß? Daß sie weiß, wie sie als Kleinkind zum erstenmal ihr Elternhaus betrat? Fotos gibt es nicht aus dieser Zeit.

Woher kommt Anja Woltmann? Von ihrem Vater hat man ihr gesagt, daß er vor 23 Jahren anderweitig verheiratet gewesen sei. Von der Mutter, sie habe in einer Kneipe bedient und vor und nach ihr noch ein Kind geboren. Sie, die mittlere, kam gleich in ein Waisenhaus. Da stand das Gitterbett.

Wo sind meine Geschwister? Wie lebt meine Mutter? Sehe ich aus wie sie? Das will ich unbedingt wissen. Was wäre aus mir geworden, wenn sie mich behalten hätte? In den Unterlagen des Jugendamtes steht, meine Mutter sei jung gewesen, schön und charakterstark. Und daß sie nicht für mich sorgen konnte.

Als Anja Eltern bekam, war sie schon anderthalb Jahre alt. Ein Oberstaatsanwalt namens Woltmann und seine Frau waren kinderlos geblieben und holten sie heim zu sich. So wurde das arme Waisenkind in die Hamburger Oberschicht katapultiert. Sie sollte es jetzt besser haben! Der Stolz ihrer Eltern sollte sie werden, sollte studieren (vielleicht Jura), Karriere machen. Die Mutter ging auf in der Pflege der kleinen Fremden. Der Vater überwachte penibel die Hausaufgaben. Doch der Apfel fiel sehr weit vom Stamm.

Anja war nicht Fleisch vom Fleisch der Woltmanns. Sie trug die Rebellion in die wohlgeordnete Welt des Oberstaatsanwalts.

Ich war ein schwieriges Kind, voll auf Aggression. Ich hatte Schul- und Lernprobleme und den falschen Umgang. "Du bist dumm", brüllte mein Vater.

"Und du bist nicht mein Vater", schrie ich zurück. Weil meine Eltern mir nicht mehr beikamen, schickten sie mich zuletzt aufs Internat. Ich hielt ihre Erwartungen nicht aus. Ich haßte das "Du mußt, du mußt", den Druck, die Schule, das Abitur, das Studium. Ich konnte meinen eigenen Weg nur gehen, wenn ich nicht auf sie hörte. In den Augen meines Vaters hab' ich versagt.