Wenn die einst einflußreichen Historiker der Alt-BRD, Theodor Schieder (geb. 1908), Werner Conze (geb. 1910), hinsichtlich ihrer Haltung in den Jahren 1933 bis 1945 nun sogar auf einem "Deutschen Historikertag" im Zentrum einer nachholenden Kritik stehen, so erhebt sich die Frage: Welche Haltung haben gegenüber dem Nazismus Historiker der DDR eingenommen, die der gleichen Generation angehörten und die auf deren Geschichtswissenschaft einen analogen Einfluß ausgeübt haben? Der Blick fällt auf Ernst Engelberg und Walter Markov (beide 1909 geb.). Beide fanden dank objektiver Gutachter, denen die antinazistischen Aktivitäten ihrer Doktoranden wohl bekannt waren, am Beginn der NS-Diktatur gerade noch die Möglichkeit zur Promotion. Engelberg wurde vier Tage danach durch die Gestapo verhaftet und wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" zu Zuchthaus verurteilt. 1935 gelang ihm die Emigration. Gegen Markov, der am 30. Januar 1933 seine Mitgliedschaft in der KPD beantragt hatte, wurde 1935 eine Zuchthausstrafe von zwölf Jahren verhängt. Auch die Kenntnis der Bereitwilligkeit, mit der zwar nicht "die" Historiker, aber deren überwiegende Mehrheit "in den Dienst der braunen Diktatur getreten" waren, festigte ihre Überzeugung von der Notwendigkeit, eine neue Geschichtswissenschaft zu begründen. Allein dieser Vergleich widerlegt eine pharisäerhafte und anmaßende Manier, die Geschichtswissenschaft der DDR selbst von ihren Intentionen her nach der Elle der westdeutschen Geschichtswissenschaft zu vermessen.

Prof. Werner Berthold, Leipzig