Sicher hat der Autor recht mit der Klage darüber, daß das tatsächliche Ausmaß der Tötung und Erniedrigung von Menschen zur Nazizeit in der Geschichte der Anne Frank nicht erscheint. Aber man kann das Buch nicht einfach dadurch kennzeichnen, daß man es in die Verdrängungsmentalität der fünfziger Jahre einordnet. Dieses Lebensschicksal der Anne Frank hat unserer Generation, die wir nach dem Krieg Kinder waren, per Identifikation vor Augen geführt, was die deutschen Soldaten eigentlich im Ausland gemacht haben im Krieg. Ein Leser oder ein Besucher des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam, den dieses Einzelschicksal betroffen gemacht hat, wird weniger leicht geneigt sein, Hitler im nachhinein zu glorifizieren, wie es ja heute leider wieder geschieht. Der Autor mag bedauern, daß andere Lebens- und Leidensschicksale nicht mit so großer Resonanz aufgenommen werden. Aber mich hat die Polemik gestört. Ich habe nichts gegen einen deutschen Mythos, bei dem auch die deutsche Schuld mitbedacht wird.

Dietrich Siebörger Königsfeld

Höchst bedenklich scheint mir, wie rasch die Autorität eines Wolfgang Benz (und in seinem Gefolge leider auch die Titel- und Bildpräsentation der ZEIT) zu arg vereinfachenden Pauschalformulierungen gelangt. Da genügt es nicht, als tief Mitbetroffener mit einem knappen Leserbrief ein Kopfschütteln anzumelden. Da muß etwas länger (ich hoffe: im Einvernehmen mit dem Autor) nachgearbeitet werden, damit kein Schaden angerichtet bleibt.

Es war Otto Franks Problem, Anne Franks Vermächtnis auf die rechte Weise, nämlich für alle Zukunft vorsorgend, zur Geltung zu bringen. Wenn heute dennoch ZEIT-Diagnosen wie Der globale Irrsinn und Haß, nur Haß möglich geworden sind, bleibt uns 70- und 80jährigen offenbar die Aufgabe, auf verantwortliche Weise, nämlich erhellend (keineswegs verklärend), die Nachsorge wahrzunehmen. Mein - in Annes Sinn "trotz allem" hoffnungsvoller - Titelvorschlag für einen künftigen Beitrag der ZEIT wäre GewissenHaft: Von Anne Frank in die Pflicht genommen. Und dann, gern, der Untertitel: Warum sich Wolfgang Benz' Analyse so besonders gut als Betroffenheitstext eignet.

Robert Schnorr Übersetzer der Bühnenfassung von "Das Tagebuch der Anne Frank" Bramsche-Evinghausen