Spät, nach zehn Uhr, wachte er auf. "Großer Gott! ,Stella!' Er wollte schreien, (...) erstarrte aber vor Entsetzen. Ihre Augen standen weit offen, doch ihre Pupillen waren so weit verdreht, daß sie nicht mehr zu sehen waren." Ihr Unterkiefer schlaff. Nicholas sprang aus dem Bett - und jeder Leser des spanischen Bestsellerproduzenten Javier Maras ahnt, was kommt (das Motiv scheint in der Luft zu liegen, denn beide Romane sind nahezu zeitgleich entstanden). Es sind viele Gedanken, die einem Mann durch den Kopf gehen, wenn die Geliebte, beim Seitensprung, über den Jordan geht. Die Frau eines anderen tot im eigenen Bett garantiert Probleme. Tatsächlich klingelt es kurz darauf: die Putzfrau. Dann, zu allem Überfluß, auch noch der Rabbiner. Und schließlich steht Stella, keineswegs tot, dafür nackt, in der Schlafzimmertür.

Mein Gott, ist das beziehungsreich

ich glaub' ich übergeb' mich gleich. Nach dieser Parole von Robert Gernhardt geht es weiter, kreuz und quer, mit hoher Drehzahl, über Stock und Stein, von einem Unglück zur nächsten Katastrophe, über Verwicklungen, Intrigen, Affären bis zu Mord und Totschlag. Es geht zu wie bei Simmels unterm Sofa.

Sogar das Übergeben ist noch wörtlich zu verstehen, denn kaum war Stella aus New York in London angekommen, kaum hatte sie ihrem Geliebten Nicholas, dem Englischprofessor am New Yorker Moshulu College, berichtet, was nach seiner Abreise alles vorgefallen war, ging er "mit der sorgfältigen Bedächtigkeit eines Betrunkenen ins Bad, kniete sich vor die Kloschüssel, beugte fromm den Kopf darüber und übergab ihr dann, sehr demütig, den Inhalt seines Magens".

Danach geht es erst richtig los. Stella, die Ehefrau, und Nicholas, ihr Geliebter machen sich auf die Suche nach Robert Poor-Moody, dem Ehemann, der mit einer Stripteasetänzerin ebenfalls nach London durchgebrannt war, aber jetzt von den beiden in Gesellschaft einer betagten Heidelberger Mediävistin angetroffen wird. Die Situation scheint eindeutig, die Reaktion verständlich.

Mit sanfter Gewalt dringen die beiden in das Hotelzimmer des Ehemannes ein.

Robert Poor-Moody hockt dort, nackt, nur in ein Laken gehüllt, auf dem Bettrand, mit einer brennenden Zigarre im Mund, übel zugerichtet, blaß, unrasiert, mit blutunterlaufenen Augen, in Erwartung eines neuen "Liebestranks". Geöffnet hatte den beiden Eindringlingen die alte Dame, Diotima von Hoden, den Lesern schon aus einem ähnlich verrückten New Yorker Liebesabenteuer bekannt, allerdings mit Nicholas Goetzen, der wiederum, fintenreich, die Wiederholung in London auf den Ehemann seiner Geliebten abgewälzt hat. Viagra, die neue Potenzpille, erscheint als Schlafmittel im Vergleich mit den nach alten Rezepten verfertigten Säften der auf erotologische Forschungen spezialisierten Heidelberger Wissenschaftlerin.