Hauptgefreiter Daniel Brockelt hat die Orientierung verloren: Er sucht das "Leitbild historisch-politischer Bildung in der Bundeswehr" und findet es nicht. Laut Lageplan soll es auf einem Steinsockel stehen, irgendwo zwischen der Dorfkirche und der Turnhalle von Bordenau, eine halbe Autostunde westlich von Hannover.

"Das muß doch hier irgendwo sein." Seit 15 Minuten fährt Hauptgefreiter Brockelt immer wieder an denselben Vorgärten und Einfamilienhäusern vorbei, am Dorfteich, am Schaukasten des CDU-Ortsverbands und an der Kirche. Bordenau ist ein Nest in der niedersächsischen Provinz, in dem gelegentlich Verteidigungsminister und Bundespräsidenten landen und von der Bedeutung der Wehrpflicht reden. 1755 wurde hier Gerhard von Scharnhorst geboren, später preußischer General und Heeresreformer. Dessen Denkmal und Geburtshaus soll Hauptgefreiter Brockelt für die Bundeswehr fotografieren, weil "der die Grundlagen gelegt hat. Für die Wehrpflicht."

Im November werden in Bordenau wieder ein paar hundert junge Männer geloben, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen. Brockelts Abteilung beim Wehrbereichskommando II in Hannover fertigt bis dahin eine Info-Broschüre über Scharnhorst und Bordenau, damit die Rekruten ahnen, warum sie ihren Treueschwur ausgerechnet hier leisten. "Seit Scharnhorst gehören politisches Mitdenken, ethisch geprägtes Verantwortungsbewußtsein und umfassende Bildung zur guten Tradition im Selbstverständnis des deutschen Soldaten", schreibt die Bundeswehr.

Es ist heiß im olivgrünen Golf. Dem 22jährigen Hauptgefreiten steht der Schweiß auf der Stirn. Das Diensthemd flattert im Fahrtwind. "Jetzt hab' ich ja wieder ein blaues Hemd an und tu', was mir gesagt wird", sagt er. Das sei natürlich ein Scherz, fügt er schnell hinzu. Damals, vor der Wende, war Daniel in Magdeburg noch bei den Jungen Pionieren und bei der FDJ. Als Sportagitator - "So hieß das früher" - hat er Spiele organisiert, sich "engagiert, weil ich mußte". Eine Pflichtübung sei es gewesen. Das wirkliche Leben spielte sich auf dem Dachboden im Nachbarhaus ab. Dort hatte sich Daniel mit vier Freunden eine eigene Welt gebaut: ein Sofa, zwei Sessel, bemalte Bettlaken als Tapeten und jeden Tag Die Ärzte aus dem alten Philips-Kassettenrecorder. Eine kleine Bar hatten sie auch - da wurde gesungen und Clubcola getrunken und viel gefeiert. "Es war 'ne verdammt schöne Zeit", sagt der Hauptgefreite heute. "Wir nannten es ,unser Nest'."

An einem Tag im November 1989 brachte Daniels Freund einen Fernseher mit ins Nest. "Als wir ihn angeschlossen hatten, kamen gerade die Nachrichten: Das erste, was wir sahen, waren jubelnde Menschen, die über die geöffnete Grenze drängten. Mensch, das konnten wir einfach nicht glauben!" Stundenlang diskutierten die fünf Freunde danach die Zukunft: Stimmt das mit der Grenzöffnung? Wie lange würde die Freiheit anhalten? Würde man jetzt leichter an ein BMX-Rad kommen? Daniels Oma hatte oft von ihren Reisen in den Westen erzählt und stapelweise Mickey-Mouse-Hefte mitgebracht. "Da gibt es alles", hatte sie gesagt. "Alles."

Das Nest gab es nach der Wende noch ein knappes Jahr. Dann ging jeder seine eigenen Wege. 1994 machte Daniel sein Abitur. Seine Schule hieß jetzt nicht mehr Philipp-Daub-, sondern Willy-Brandt-Schule - der Einheit wegen. In der Willy-Brandt-Schule hat Daniel auch das erste Mal gewählt. Damals mußte er sich zwischen dem Kanzler der Einheit und einem Herrn Scharping entscheiden.

"Wohl mit dem Wissen, daß ich nichts damit bewegen kann."