Merkwürdig. Da hat also ein Mann ein "Stonehenge der Vorzeit" entdeckt.

Richard Fullagar vom Australian Museum in Sydney habe auf Felsen im australischen Busch Spuren künstlerischen Schaffens gefunden, die mehr als doppelt so alt seien wie die Höhlenzeichnungen Europas, berichtete die Weltpresse vor zwei Jahren. Von der "ältesten Kunst der Menschheit" war die Rede. Der Australier zwinge die Fachwelt gar, die Kunstgeschichte umzuschreiben. Jetzt rührt er sich weder auf Bitten um Rückruf, noch beantwortet er ein Fax.

Ist der Wunsch, jenen Ursprung der Bilderwelt, die legendären Jinmium-Felsen, zu besuchen, so verquer? Mühselig ist der Versuch allemal. Denn niemand scheint zu wissen, wie man an den geheimnisumwitterten Ort gelangt. Die Dame im Empfang des Country Club Motel in Kununurra hat noch nie etwas von Jinmium gehört. Dabei müssen die mit vielen tausend muldenförmigen Petroglyphen, mit Ockerlinien und Handumrissen verzierten Sandsteinbrocken irgendwo im Umkreis der abgelegenen Pionierstadt aus dem Boden ragen. Eine genaue Landkarte läßt sich am Ort nicht auftreiben. Im Fremdenverkehrsamt heißt es lakonisch: "Da dürfen Sie nicht hin. Das ist eine heilige Kultstätte. Sie liegt in einem Gebiet, das den Aborigines gehört."

Die älteste Kunst der Menschheit, und nur die Ureinwohnerschaft darf sie sehen?

Richard Fullagars Aufsatz mit dem umständlichen Titel Frühmenschliche Bewohnung im nördlichen Australien: Archäologie und Thermolumineszenz-Datierung der Jinmiumhöhle in den Northern Territories löste schon vor seiner Veröffentlichung in der britischen Fachzeitschrift Antiquity eine furiose Debatte aus. Die im September 1996 zunächst in den Massenmedien verkündeten Funde erregten nicht nur wegen der Behauptung Aufsehen, das Kunstschaffen der Aborigines sei mehr als 75 000 Jahre alt. Der Anthropologe entdeckte eineinhalb Meter im Erdboden verborgene Spuren einer frühmenschlichen Zivilisation, die er auf ein Alter von 116 000, möglicherweise gar 176 000 Jahren datierte.

Eine Zahl, die die weithin akzeptierten Theorien einer Ausbreitung der Gattung Homo aus Afrika auf den Kopf stellte. "Als die Menschen aus Afrika emigrierten", erklärte der Paläoanthropologe Alan Thorne im Magazin New Scientist lakonisch, "müssen sie zugleich das Fahrrad erfunden haben, sonst hätten sie das erste Floß nach Australien verpaßt."

Robert Bednarik, Herausgeber etlicher archäologischer Fachzeitschriften, reagierte verhaltener: "Die Kunstgeschichte muß nicht neu geschrieben werden." Becherförmige Steinzeichen wie in Jinmium seien auch auf anderen Kontinenten die älteste bekannte Kunstform. Ein auf der Unterseite mit 18 gehämmerten Mulden verzierter Grabdeckel in der französischen Höhle La Ferrassie sei zwischen 40 000 und 170 000 Jahre alt.