witzelt Rolf Harald, steckt seinen Finger in die durchsichtige Flüssigkeit, zündet sie an. Eine Flamme züngelt: 96 Prozent Alkohol, hjemmebrent, daheim gebrannt. Von wem, darüber schweigt man, denn Brennen ist verboten. Daß man auf zehn Kilo Zucker ein Kilo Hefe und fünfzig Liter Wasser braucht, weiß in den Tälern aber jeder Mann. Rolf Harald verdünnt mit Brause, die anderen mischen den Alkohol mit Kaffee und Zucker. Kaffedoktor heißt das Teufelszeug, das die Stimmen der Jäger immer lauter, die Elchbullen, die einst entwischten, immer mächtiger werden läßt.

Vergessen ist, daß dieses Jahr nur zwei Jungtiere und zwei Kälber zum Abschuß frei sind. Verdrängt, daß es wenig Fleisch geben wird. Das wichtigste an der Elchjagd, sagt der Jagdleiter Ole Morten Kjendlie, 54, sei schließlich die Geselligkeit. Zehn Tage werden die Männer auf den schmalen Schlafbänken einander beim Schnarchen zuhören, im Licht der Petroleumlampen Karten spielen, durch die Dunkelheit zum Plumpsklo stolpern und Wasser aus dem eisigen Teich schöpfen, so daß der gespiegelte Sternenhimmel zittert und zerfällt.

Ihre Höfe liegen zwar nur zehn Minuten von der Jagdhütte entfernt im Tal, aber nach Hause zum Duschen fährt man nicht. Denn es ist Elchjagd. Sie verabreden sich für sechs Uhr. "Frühmorgens ist der Elch unterwegs!" Um fünf Uhr morgens schläft der letzte überm Tisch ein. Um sechs sind nur die Hunde wach. Um halb neun aber hat Kjell Olav, 28, bereits am ersten Elch vorbeigeschossen. "Das passiert eigentlich nie", sagt einer. Schließlich sei ein Elch größer als ein Pferd.

Hier war er. Im Vorübergehen hat er die jungen Blätter des Weidenbusches abgebissen, und in einer Moosmulde zwischen dem Blaubeerkraut liegt ein Haufen daumengroßer Küddel. Tannengrün, also frisch. Ein Elchhuf hat ein tiefes V in das wassergedunsene Bärenmoos getreten. "Ein Bulle", flüstert Ole Morten. Vielleicht habe er gerade im Teich gebadet. "Der Elch ist ganz wild aufs Baden." Die Hündin verschwindet zwischen den Kiefern. Der Wind weht schwach aus Südwest, er riecht nach Harz. Ein Auerhahn ruft. Sonst herrscht reine Stille, denn hier oben in den Bergen leben nur wenige Tiere.

In der Ferne hallt ein Schuß. Noch einer. Vermutlich die Jagdgesellschaft von der anderen Seite des Flusses. Ole Morten kniet nieder und lauscht, ob seine Hündin Spurlaut gibt. Ob sie den Elchbullen findet und ihn bellend umspringt, so daß Ole Morten sich unbemerkt an das verwirrte, kreisende Tier anschleichen kann. Oder ob sie den Elch den sechs Posten entgegentreibt, die das Jagdgebiet umzingeln. Seit je wird der Elch in dieser Mischung aus Ansitz- und Treibjagd gejagt. Im Wald bleibt es still. Dann hechelt etwas durchs Gebüsch. Die Hündin ist zurück, sie hat die Spur verloren. "Der Elch hat immer die Chance zu entkommen", sagt Ole Morten zufrieden. Dann nimmt er eine Patronenhülse aus dem Gürtel, deren Rumpf aus Glas ist. Darin ist Aquavit. Wegzehrung. Das wichtigste an der Elchjagd, sagt Ole Morten schließlich, sei eigentlich das Erleben der Natur.

Später, am selben Abend, hundert Kilometer gen Osten im Hochland an der Grenze zu Schweden, wirft Prince Charmy seine letzte Hülle. Von allen Seiten grapschen Frauenhände nach ihm. Nach seinem Tangaslip, dem tätowierten Drachen auf seiner Schulter. Hundertfünfzig Frauenkehlen johlen. Der Stripper ist Höhepunkt des "Elchwitwenfestes" im kleinen Gebirgsnest Ljórdalen.

Draußen nichts als Nadelbäume in der Dunkelheit, das Thermometer ist unter Null gefallen. Drinnen aber legt der glatzköpfige Discjockey Bjórn Idar jetzt Tanzmusik auf. Und die Frauen, deren Männer im Wald verschwunden sind, tanzen Paartanz. Die eine klammert sich an die andere, es waren schon ein paar Schnäpse zuviel. Die Stimmung, schwärmt DJ Bjórn Idar, sei viel besser, als wenn die Männer dabei seien. Dann singen alle mit: "Meinen Popo, sie liebt meinen Popo ..."