die zeit: Herr Camdessus, alle Welt schimpft über den Internationalen Währungsfonds (IWF). Fühlen Sie sich als der Prügelknabe der Nationen?

Michel Camdessus: Der Ausdruck steht zwar nicht in unseren Statuten, aber wir sind doch seit jeher der Prügelknabe. Damit müssen wir leben. Politiker neigen dazu, uns für ihre eigenen Entscheidungen verantwortlich zu machen. So entsteht fälschlicherweise der Eindruck, daß wir das Sagen haben. Dabei funktionieren unsere Programme nur, wenn die Regierungen sie selbst umsetzen und die Verantwortung dafür übernehmen.

zeit: Die Kritik ist also unberechtigt?

Camdessus: Ich freue mich ganz aufrichtig über die Kritik. Selbst wenn nur fünf Prozent davon stimmen, drängt uns das zur eigenen Verbesserung.

zeit: Sie scheinen ziemlich guter Dinge - obwohl wir uns immer mehr einer globalen Wirtschafts- und Finanzkrise nähern. Nicht wenige Experten und zuletzt auch der britische Premierminister Tony Blair geben dem IWF eine Mitschuld an der Misere.

Camdessus: Vorweg, den IWF von den Regierungen dieser Welt zu trennen ist schwierig. Die sitzen schließlich in unserem Exekutivdirektorium und bestimmen so unsere wirtschaftspolitischen Maßnahmen. Zu Ihrer Frage: Ja, wir haben Fehler gemacht. Wir haben uns beispielsweise nicht frühzeitig um Informationen zum kurzfristigen Kapitalverkehr gekümmert. Aber entweder hatten die Behörden der Krisenländer diese Daten damals nicht, oder sie wollten sie nicht rausgeben, weil sie so beunruhigend waren. Unsere Mitgliedsstaaten waren vor der Krise einfach nicht mit der richtigen Informationsmaschinerie ausgestattet.

zeit: Mit mehr Information und einer besseren Überwachung hätten wir also die derzeitige Krise verhindern können?