Der Verleger Wladislaw Goworuchin hat auf den Aufschwung in Rußland gesetzt.

Mehr als 60 000 Hochglanzreiseführer stapeln sich in seinem Lager, 100 000 Computerbücher sind in grauen Pappkartons verpackt. "Diese Bücher sind mehr als eine Million Dollar wert", sagt Goworuchin. "Oder besser gesagt: Sie waren es."

Goworuchins Verlag ist Opfer der russischen Wirtschaftskrise, die seit Mitte August die gesamte Wirtschaft erfaßt hat: Die Bankkonten sind eingefroren, und der Zahlungsverkehr steht still. Der plötzliche Anstieg der Inflation hat die Kalkulationen der Kaufleute und jegliche Zahlungsmoral zunichte gemacht.

Eine halbe Million Dollar schulden Großhändler dem Verleger Goworuchin: "Das Geld bekomme ich nicht wieder." Wie aber soll er jetzt die 100 000 Dollar Schulden für die Buchlieferungen aus dem Ausland begleichen?

Vor allem aber haben bisnesmeni wie Goworuchin ihren Absatzmarkt verloren.

Seine Klientel sitzt auf der Straße. Zunächst entließen die Banken massenhaft ihre Mitarbeiter, dann Werbefirmen, Reisebüros, Restaurants, Möbel-, Computer- und Elektrogeschäfte. Hunderttausende haben in den vergangenen Wochen ihren Job verloren, die genaue Zahl kennt niemand. Es war die Schicht, von der jeder Unternehmer träumt - jung und kauffreudig. "Am besten zünde ich die Bücher an. Dann habe ich wenigstens keine Lagerkosten mehr", sagt der Verleger. 18 seiner 37 Mitarbeiter - Lektoren, Übersetzer und Sekretärinnen - hat er in den vergangenen zwei Wochen entlassen. "Die Menschen wollen jetzt etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf. Wer kauft da noch Reiseführer?"

An Urlaub denkt Leonida Romina wirklich nicht mehr. Voriges Jahr sei sie mit dem Auto durch Norditalien gereist. "Wunderbar", schwärmt sie. Es ist gerade mal drei Wochen her, da wäre es für die 32jährige undenkbar gewesen, sich an einem Freitag mittag mit einem Journalisten in einer Moskauer Bar zu treffen.