Also doch. Solche Jubeljahre müssen nicht nur abgefeiert werden, sondern schenken im besten Fall neue Einsichten. Fontane und die bildende Kunst: Vor zehn, vor zwanzig Jahren wäre dies allenfalls das belächelte Thema einer Kabinett-Schau gewesen. Jetzt ist diese Ausstellung der Staatlichen Museen in der Nationalgalerie - gut Fontanisch - eine stille Sensation: die Entdeckung des Erzählers als Kunstkenner und -kritiker.

Fontane und sein Jahrhundert heißt eine zweite, mit Hunderten von Manuskripten und Büchern, Bildern und Zeichnungen, Kostümen und Kuriositäten kaum zu überblickende Ausstellung, mit der das Stadtmuseum, das alte Märkische Museum Am Köllnischen Park, nach langer Vernachlässigung und (Teil-)Renovierung, kraftvoll in den Reigen Berliner Museen tritt.

Befremdlicher - auch mutiger! - ist selten eine Ausstellung eröffnet worden wie jetzt im Kulturforum Fontane und die bildende Kunst. Ehe sich der 336-Seiten-Katalog in seiner üppigen Bilderpracht und den knappen, gut formulierten Erläuterungen zu jedem Gemälde auftut, gibt der Kurator, Peter-Klaus Schuster, einem Autor das Wort, der die ganze Unternehmung mit massigen Fragezeichen behängt. Wolf Jobst Siedler, ein Fontane-Leser und Verleger, Kunstkenner und Essayist, wie man ihn klüger nicht findet, lehnt die Mitarbeit am Katalog ab. Fontane ist ihm zwar ein Schriftsteller "nicht höchsten, aber doch sehr hohen Ranges", doch schmerzt es ihn, daß der sich in Brotarbeiten verzehren müssende Apotheker und Autodidakt "über die Historiker, Künstler und selbst über die Autoren seiner Zeit so wenig Urteil hat". Liebermann und Lesser Ury, Impressionisten und deutsche Secessionisten, Courbet und Corot, Stendhal, Balzac, Gogol, Tolstoj, Dostojewskij, die großen Architekten Behrens, Messel, Muthesius, die aus der alten Residenz die neue Weltstadt Berlin zimmern - für Siedler lauter Fehlanzeigen.

Aber hat nicht der Theaterkritiker der Vossischen Zeitung, hat nicht der siebzigjährige Fontane, der erst seit zehn Jahren den Kopf für sein erzählerisches Werk frei und noch kaum einen seiner großen Romane geschrieben hat, nach dem Skandal am Sonntag morgen, 20. Oktober 1889, beim Verein Freie Bühne im Lessingtheater, als einer der wenigen den Rang eines neues Dramatikers erkannt? Fontane lobt das Erstlingsdrama des siebenundzwanzigjährigen Gerhart Hauptmann, Vor Sonnenaufgang: "Er hat nicht blos den rechten Ton, er hat auch den rechten Muth, und zu dem rechten Muthe die rechte Kunst."

Nach dem Blick auf Fotos von Fontanes letzter Wohnung, Potsdamer Straße 134 c, drei Treppen hoch, also fast gegenüber der Ausstellung mit vielen unbekannten oder doch in Deutschland selten gesehenen Bildern aus aller Welt, stellt Siedler den Krankenschein aus: "Fontane war eben kein Augenmensch."

Die Diagnose steht in Widerspruch zum Befund eines anderen gründlichen Lesers, dem wir die beiden Bände einer großen Biographie Fontanes verdanken.

Hans-Heinrich Reuter: "Fontane ist ein Augenmensch." Man kann die Ausstellung besichtigen, den Katalog studieren als Beweis für die Richtigkeit der Verehrung Fontanes - auch als eines Augenmenschen. Schuster: "Die Ausstellung unternimmt erstmals den Versuch, den großen Romancier als Kunstkenner vorzustellen ... ,Bilder und immer wieder Bilder' - mit dieser Wendung aus der Novelle ,Cécile' (1886) ist Zutreffendes auch für Fontane und seine Romanwelt insgesamt gesagt. Fontane war, wie Innstetten in ,Effi Briest', ein ,Kunstfex' ... Man könnte fast sagen, daß Fontanes literarische Laufbahn als Kunstkritiker begonnen hat." Vor zwanzig Jahren publizierte Schuster eine Untersuchung über "Effi Briest - ein Leben nach christlichen Bildern".