Bequem fliegen wir von Frankfurt nach New York. Problematischer gestaltet sich der Gang von Manhattan nach Harlem. Binnen weniger Blocks geht der Globalisierungszentrale der Atem aus und beginnt die geschlossene Gesellschaft der Verlierer. Da hausen der schwarze Mann, seine fetten Weiber und die cracksüchtigen Kids. Gebräuchliche Stadtpläne von New York enden abrupt. Wo die Metropole den Bodensatz verklappt, findet sie auch die billigsten Kräfte fürs Grobe. Im Ghetto tobt nicht der digitalisierte Bürgerkrieg des Marktes, sondern der archaischere Überlebenskampf kleiner, wütender Rudel. Entsetzt streichen die sublimen Statthalter zivilisatorischen Fortschritts jene düstere Welt humaner Betriebsunfälle aus ihren Bilanzen. So gesehen mag es Harlem auf Satellitenfotos geben - für unsereinen ist es eine Art Märchenland des Bösen, dem wir nur in unserer Phantasie begegnen müssen.

Indes, an den weiten Gestaden des Imaginären strandet gelegentlich auch Schmuggelware. Und darauf spekuliert die amerikanische Schriftstellerin Sapphire in ihrem ersten Roman Push.

Lange hat Sapphire in Harlem gelebt und als Lehrerin gearbeitet. Sie weiß, daß dem Humanismus des weißen Mannes so leicht keine Träne über das Gewimmer der Abgebuchten zu entlocken ist. Und so überrascht sie ihn mit einem Monstrum, das die Zäune seines Realismus en passant niederwalzt: Precious Jones, ein über 180 Pfund schweres schwarzes Mädchen, seit dem dritten Lebensjahr vom Vater mißbraucht, mit 12 zum ersten, mit 16 zum zweiten Mal von ihm geschwängert, dann und wann auch stumme Dienerin der mütterlichen Triebe. Sie drückt sich meist mit Fäusten aus und macht den Rest in die Hose.

Damit die Mutter Sozialgeld kassiert, besucht Precious seit Jahren die Schule, doch kein Hauch von Wissen passiert den Panzer ihrer Abwehr.

Im Rückblick wird sie sich als "invisible" bezeichnen, als unsichtbar. Push erzählt die außergewöhnliche Geschichte ihrer Sichtbarwerdung, erzählt von den wenigen Jahren, in denen Precious sich wirr ins Leben stottert. Und vielleicht stand am Anfang wirklich das Wort, nämlich: "push" - öffne (dich), presse, mach Druck. Als ein Notarzt ihr das zuruft, preßt sie ihr erstes Kind - ein mongoloides Mädchen - auf den schmierigen Küchenboden. Da hält sie jemand. Und irgendwie beginnt sie damit selbst.

Der hartnäckige Einsatz einer Lehrerin bringt sie auf eine Schule für Mädchen, denen nichts bleibt als ein blind date mit ungefähren Hoffnungen.

Und einen Moment lang fürchtet der Leser, jetzt folgt das Bildungsromanmärchen vom gefallenen Mädchen, das tapfer den dornigen Königsweg der Vernunft geht, um als Heilige, Rebellin oder blond Geläuterte unsere Folklore des Guten zu bereichern. Allein, der Fall ist schwer und schwarz. Er ist nicht zu lösen. Im Gegenteil, wir ahnen bald, daß Precious nicht viel Zeit bleibt - um gesund, normal oder heil zu werden. Sie berührt und irritiert uns bloß mit ihrer seltsamen Kraft zum Leben - so kühn, so ungeborgen. Seit Jahrtausenden schmachtet die westliche Zivilisation nach Erlösung: der Aufhebung des Menschen, indem er Gott, sein Lamm, Kaiser, Idee oder Guru werde. Doch da das Abendland in diesem schweren schwarzen Mädchen wenig stattfinden konnte, vermag sie ein prekäres - ein den Menschen gemäßeres - Glück zu suchen.