Irritiert ringt der Pressesprecher des Bundesgerichtshofs die Hände: "Um Gottes willen, es gibt doch gar keine mündliche Verhandlung." Ein Beschlußverfahren! Vertreter des Hochadels seien demnach in Karlsruhe wirklich nicht zu erwarten. Nützt nichts. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich bereits Anfragen zahlreicher TV-Sender: Wenn bei Fürstens um das Erbe gestritten wird, soll das Fernsehvolk in der ersten Reihe sitzen.

Am 30. September wird sich der 4. Zivilsenat des BGH mit einem der größten Erbstreitfälle der Nachkriegszeit beschäftigen (Aktenzeichen IV ZB 19/97).

Vordergründig geht es um die Frage: Wer ist der rechtmäßige Erbe von Louis Ferdinand, dem 1994 verstorbenen Enkel des letzten deutschen Kaisers?

Dahinter lauern jede Menge juristischer Fußangeln, die schon Dutzende von Anwälten und Gutachtern beglückt haben. Beispielsweise, ob die Familie Preußen auch heute noch ihre Erbfolge, abweichend vom Bürgerlichen Gesetzbuch, nach eigenem Recht, dem sogenannten Hausgesetz, regeln kann. Es geht um die Ur- und Ururenkel von Wilhelm II., wenn man so will, um ihr Verständnis des Grundgesetzes und um das auf 100 Millionen Mark geschätzte Hausvermögen.

Die streitenden Parteien halten sich bedeckt. "Zuviel Rummel im Vorfeld muß unbedingt vermieden werden", gibt ein Preußen-Prinz am Telefon Ordre. Richter sind empfindlich, hohe Richter in Karlsruhe sind höchst empfindlich. Der Besitz? Nun, was eben von einem Herrscherhaus übrigbleibt, nachdem zwei Weltkriege darüber hergefegt sind (wir erinnern uns, ganz unbeteiligt war die Familie nicht an dem, was geschah). Eine renovierungsbedürftige Burg namens Hechingen, einige exzellente Bilder, Aktien, Silber, Schmuck. Kürzlich ließ Prinz Georg Friedrich einiges davon in Genf versteigern, und die Verwandtschaft griff zu. Für 4000 Mark etwa erwarb eine Tante eine lederne Reiseschatulle mit Samtkissen. "Ein beschämender Umweg", kommentiert ein Grandseigneur schmallippig.

Ein Fall wie aus dem Giftschrank der Juristen. Rückblende: 1938 setzen sich im holländischen Doorn der im Exil lebende Kaiser Wilhelm II., sein ältester Sohn Wilhelm und dessen Sohn Louis Ferdinand zusammen, um einen Erbvertrag aufzusetzen. Das entsprach im wesentlichen jener jahrhundertelang erfolgreichen Regel, daß Familien ihr Vermögen einem einzigen Erben übertragen, der es treuhänderisch übernimmt und zusammenhält. Alle anderen verzichten und versuchen selbst ihr Glück. Fideikommiß hieß diese Rechtsfigur, die mit der Weimarer Verfassung abgeschafft wurde.

Der Erbvertrag von 1939 legte fest, daß Kronprinz Wilhelm Vorerbe des Hausvermögens und sein Sohn Louis Ferdinand Nacherbe werden sollte. Auch zukünftig sei erbfähig nur, wer den Bestimmungen der alten brandenburgischpreußischen Hausverfassung genüge. Also: protestantisch ist, selbst aus einer standesgemäß abgesegneten Ehe stammt und mit einer Ebenbürtigen verheiratet ist.